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Wenn die Maschine den Menschen versteht: Die Vorteile eines szenariogestützten Ansatzes für die schnelle KI-Implementierung in der Mobilität

Das Automobil wandelt sich von einem einfachen Fortbewegungsmittel zu einem intelligenten, persönlichen Begleiter auf vier Rädern. Auf dem VDI ELIV 2026-Kongress wird Dr. Angela Wang, Senior Vice President der Neusoft Corporation, Vorsitzende und Präsidentin von Neusoft Europe sowie Vorsitzende von Neusoft America, über die Chancen und Herausforderungen von KI-gestützter, Automobil software und -technik sprechen. Im Vorfeld der Veranstaltung hat sie sich die Zeit genommen, unsere Fragen zu beantworten.

Frau Dr. Wang, Ihre ELIV-Keynote trägt den Titel „The Great Leap Forward“. Wie würden Sie den Paradigmenwechsel hin zum „scenario-defined" Ansatz konkret beschreiben?

Dr. Angela Wang: Der Paradigmenwechsel hin zu szenariodefinierten Ansätzen ist ein Sprung von der „Suche nach Szenarien für eine bereits vorhandene Technologie" zur „Entwicklung von Technologie auf Basis konkreter Szenarien". Zugleich handelt es sich um eine Entwicklung von der bloßen Funktionsanhäufung hin zu einem erlebnisgetriebenen Vorgehen. In der Vergangenheit folgten viele Innovationen einer Logik, bei der die Technologie am Anfang stand. Allzu oft war diese zwar leistungsfähig, doch die Nutzer erkannten darin kaum einen echten Mehrwert. 

Der szenariodefinierte Ansatz setzt hingegen bei den echten, alltäglichen Bedürfnissen der Nutzer an, um zu bestimmen, welche Kombination von Technologien erforderlich ist. Dieser Ansatz bietet drei wesentliche Vorteile: Erstens sind die Bedürfnisse authentisch. Technologieinvestitionen adressieren somit direkt die Pain Points der Nutzer, ohne dass Rechenkapazitäten verschwendet werden. Zweitens entsteht ein in sich geschlossenes Nutzererlebnis (Closed-Loop-Erlebnis). Alle Fahrzeugfunktionen werden passgenau auf ein einziges Szenario orchestriert, anstatt als isolierte funktionale Silos zu bestehen. Drittens eröffnet dies einen klaren Pfad für die technologische Weiterentwicklung. Die im Szenario generierten Daten fließen kontinuierlich in die Modelle zurück und schaffen so einen differenzierenden Wettbewerbsvorteil, den Konkurrenten nicht ohne Weiteres replizieren können.
 

Könnten Sie an einem konkreten Beispiel veranschaulichen, was es bedeutet, wenn die Entwicklung nicht mehr von der verfügbaren Technologie, sondern vom Szenario getrieben wird?

Dr. Angela Wang: Schauen wir uns ein Navigationsprodukt an, das wir gerade entwickeln: Das grundlegende Bedürfnis des Nutzers nach einer In-Car-Navigation besteht nicht einfach darin, von A nach B zu gelangen, sondern das passendste Erlebnis für den jeweiligen Kontext zu erhalten. Wer abends in einer fremden Umgebung ankommt, möchte in Wahrheit nicht nur den Weg zu einem Restaurant finden – sondern ein Restaurant in der Nähe, das über freie Parkplätze verfügt, angemessene Preise bietet, dem eigenen Geschmack entspricht und keine Wartezeit erfordert. Solche Bedürfnisse sind vage, vom Kontext abhängig und werden von den Nutzern selbst oft nicht klar benannt. 

Herkömmliche Navigationssysteme sind auf ausdrückliche Befehle angewiesen und können auf derartige Anliegen nicht reagieren. Unser neuer Ansatz besteht darin, die sprachlichen Äußerungen der Nutzer in mehrdimensionale Absichten zu gliedern, die Ort, Vorlieben, Kontext und verfügbare Ressourcen umfassen. Anschließend führen wir Daten aus Navigation, Parksituation, Beliebtheit der Anbieter und Nutzerverhalten dynamisch zusammen, um einen „Bedürfnisinterpreten" zu schaffen statt eines bloßen „Routenrechners". Das System stützt sich nicht mehr auf feste Regeln. Stattdessen filtert es in Echtzeit mögliche Optionen, blendet Parkinformationen ein und berücksichtigt den persönlichen Geschmack, um rasch eine optimale Lösung zu liefern. Das Erlebnis steigt von der reinen Aufgabenerfüllung zur Erfüllung im jeweiligen Kontext, vom „Menschen, der sich an die Maschine anpasst" zur „Maschine, die den Menschen versteht".
 

Ihrer These nach wird KI das Nutzererlebnis völlig neu definieren. Wie wird ein Fahrzeuginnenraum in drei bis fünf Jahren aussehen?

Dr. Angela Wang: In den nächsten drei bis fünf Jahren werden sich KI-gestützte In-Vehicle-Szenarien von einer rein passiven Reaktion hin zu einer proaktiven Begleitung wandeln. Dies umfasst Antizipation, nahtlose Services, ein tiefes Verständnis der Nutzerintentionen gepaart mit einer fahrzeugübergreifenden Koordination, intelligente Insassenerkennung für maßgeschneidertes Wohlbefinden und Vernetzung inklusive aktiven Schutzsystemen.

Der Fahrzeuginnenraum wird nicht länger ein isoliertes Silo sein. Die KI wird Smartphones, Smart Homes und Bürogeräte zu einem einheitlichen Ökosystem verbinden. Die Technologie tritt dabei in den Hintergrund, dennoch fühlt sich jedes Detail durchdacht und maßgeschneidert an. Das Auto wird zu mehr als nur einem Transportmittel – es wird zu einem intelligenten Raum auf Rädern.

Um dies jedoch zu verwirklichen, müssen wir die Herausforderungen der domänenübergreifenden Integration, der geschlossenen Datenkreisläufe (Closed-Loop-Data) und der Verlässlichkeit lösen. Nur so können wir sicherstellen, dass die KI auf jeder Fahrt sicher, tiefgründig und persönlich agiert.
 

Wie können Automobilhersteller in einer Zukunft, in der Software und KI allgegenwärtig sind, überhaupt noch differenzierende Merkmale und echte Wettbewerbsvorteile aufbauen?

Dr. Angela Wang: Wenn KI-Fähigkeiten nicht länger das Privileg weniger Akteure sind, sondern eine universell zugängliche Infrastruktur für die gesamte Branche darstellen, verschiebt sich der Wettbewerb. In dieser Welle der technologischen Demokratisierung werden diejenigen gewinnen, die KI-Fähigkeiten durch Szenario-Innovationen in zuverlässige und emotional ansprechende Erlebnisse für die Nutzer übersetzen können.

  • Erstens: Ein Wandel vom Prinzip „erst das Fahrzeug bauen, dann die KI hinzufügen“ hin zum „KI-definierten Fahrzeug“. KI muss von Anfang an in die Produktdefinition eingebunden werden – von der Bedarfsermittlung über die Szenariosimulation bis hin zum Experience Design.
  • Zweitens: Ein tiefes Eintauchen in die Szenarien. Es geht um das Upgrade von reiner Funktionserfüllung hin zu emotionaler Resonanz. Echte Differenzierung liegt im Aufbau eines intelligenten Agenten, der ein Ökosystem orchestrieren und Nutzer sowie deren Kontext wirklich verstehen kann.
  • Drittens: Langfristige Eintrittsbarrieren durch Szenario-Innovationen erfordern umfassende Systemkompetenzen – einschließlich Chips, Betriebssystemen (OS), geschlossenen Datenkreisläufen und Service-Ökosystemen. OEMs werden faktisch zu KI-Unternehmen, da sich die Logik des Wettbewerbs grundlegend ändert.
     

Sie bezeichnen KI als das „zentrale Nervensystem“ der Softwareentwicklung. Wie verändert diese Prämisse die tägliche Arbeit und die Werkzeuge von Softwareingenieuren in der Automobilindustrie?

Dr. Angela Wang: KI definiert unsere Softwareentwicklung neu. Sie führt uns vom Paradigma „menschlich definiert“ zu „KI-generiert“, um die enorme Explosion an Szenarien bewältigen zu können. Gleichzeitig verlagert sie den Fokus von „Echtfahrzeug-Tests“ hin zu „Digital Twin“-Simulationen, um Iterationszyklen erheblich zu beschleunigen.

Diese Transformation wird durch drei grundlegende Umstrukturierungen vorangetrieben:

  • Kognitive Umstrukturierung: Der Aufbau einer KI-Middle-Platform, die Daten in einen dynamischen Knowledge Graph (Wissensgraphen) umwandelt. Dies markiert den Wechsel von einer erfahrungsgetriebenen hin zu einer daten- und intelligenzgetriebenen Entwicklung.
  • Prozessumstrukturierung: Die Entkopplung von Prozessen und das Schließen von Feedbackschleifen. Der Mensch konzentriert sich auf die Wertebeurteilung und Strategie, während die KI die Mustererkennung übernimmt. Dies ermöglicht einen autonomen Kreislauf – von der Anforderungsdefinition bis zum Betrieb – und verbessert Effizienz, Qualität sowie Reaktionsfähigkeit.
  • Werteumstrukturierung: Eine Neudefinition von Teamrollen und Zusammenarbeit. Wir bewegen uns weg von „Der Mensch führt, die Maschine führt aus“ hin zu „Der Mensch entscheidet, die KI befähigt (Enabler-Funktion)“. Da die KI repetitive und ausführende Aufgaben übernimmt, erhalten menschliche Ingenieure den dringend benötigten Freiraum, um sich auf Architektur und echte Innovation zu konzentrieren.
     

Viele Experten wünschen sich eine engere Zusammenarbeit über regionale Märkte hinweg. Wie könnte eine solche globale Allianz zwischen asiatischer Software-Expertise und klassischer europäischer Ingenieurs-Expertise in der Praxis aussehen?

Dr. Angela Wang: Diese grenzüberschreitenden Allianzen werden immer tiefgreifender. Sie integrieren systematisch das herausragende europäische Ingenieurserbe und die dortigen Sicherheitsstandards mit der asiatischen Software-Agilität, den KI-Fähigkeiten und der Stärke in der Szenario-Innovation.

Solche vielschichtigen Kooperationen nehmen unterschiedlichste Formen an: von strategischen Investitionen über den Austausch von KI-Talenten und die gemeinsame Nutzung von Ökosystem-Ressourcen bis hin zu Joint-Development-Projekten. Diese nutzen das sogenannte „China-Speed“ und Innovationen, um schnellere Marktreaktionen und eine höhere Kosteneffizienz zu erzielen.

Einige europäische OEMs etablieren zudem bereits dedizierte Forschungs- und Entwicklungszentren (F&E) in China, in denen chinesische Teams die Federführung bei der Entwicklung von Modellen für den europäischen Markt übernehmen. Auf diese Weise werden asiatische Software- und KI-Fähigkeiten tief und nachhaltig in die globalen F&E-Prozesse der europäischen Hersteller eingebettet.

Über die Autorin:

Quelle: Neusoft

Dr. Angela Wang

Dr. Angela Wang ist Senior Vice President der Neusoft Corporation sowie Vorsitzende und Präsidentin von Neusoft Europe und Vorsitzende von Neusoft America. Sie verantwortet internationale Geschäftsentwicklung und treibt Innovationen in den Bereichen KI, softwaredefinierte Fahrzeuge und intelligente Mobilität voran. Zuvor war sie unter anderem als Softwareingenieurin und Leiterin im Automotive-Forschungsbereich tätig.
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/angela-wang-2384968/

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