Welche Entwicklungen prägen den Markt der Rechenzentren aus Ihrer Sicht aktuell besonders stark?
Peter Junker: Die KI-Entwicklung verändert die Struktur von Rechenzentren grundsätzlich. Angefangen mit höheren Lasten pro Quadratmeter, welche die Anforderungen an die Statik eines Gebäudes vervielfachen, über höhere IT-Lasten in den Racks selbst, die komplett neue Kühlkonzepte verlangen. Das wird die Planung von Rechenzentren doch stark ändern. In den USA wird nicht umsonst in eingeschossiger Bauweise gebaut, in Deutschland ist das in der Regel aufgrund geringer Grundstückgrößen oft nicht möglich und erfordert daher Kreativität in der Planung.
Jannis Lange: Cloud, KI und die fortschreitende Digitalisierung treiben den Bedarf an Rechenleistung weiter stark nach oben. Die entscheidende Herausforderung ist aus meiner Sicht aber nicht die Nachfrage, sondern die Frage, ob daraus schnell genug realisierbare Rechenzentrumsprojekte entstehen. An vielen Standorten treffen kurze Entwicklungszeiten auf begrenzte Netzkapazitäten und deutlich längere Vorläufe für Energieinfrastruktur. Damit wird Time-to-Power vom technischen Detail zum entscheidenden Standort- und Investitionsfaktor.
Wir müssen Energieversorgung deshalb breiter denken als nur über einen vollständigen Netzanschluss ab Tag eins. Gefragt sind hybride Konzepte, die Netzbezug, lokale Erzeugung, Speicher, Flexibilität und Wärmenutzung intelligent verbinden. Entscheidend ist nicht Autarkie, sondern eine bessere Integration der Rechenzentren in das Energie- und Wärmesystem.
Michael Ohmer: Rechenzentren werden größer, leistungsintensiver und technisch anspruchsvoller. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Verfügbarkeit und Versorgungssicherheit, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Für die Planung bedeutet das: Stromversorgung, Netzanschluss, Notstromkonzepte, Speicher und insbesondere Autarkie durch Eigenerzeugung müssen als Gesamtsystem betrachtet werden. Eine zentrale Herausforderung ist dabei die Geschwindigkeit der Projekte. Rechenzentren sollen schnell realisiert werden, während die gesicherte Energieinfrastruktur und Netzanschlüsse oft deutlich längere Planungs- und Genehmigungszeiten haben. Diese unterschiedlichen Zeithorizonte frühzeitig zusammenzubringen, ist der Schlüssel zur erfolgreichen Projektentwicklung und -planung, die uns täglich motiviert.
Prof. Dr.-Ing. Peter Radgen: Der stark steigende Bedarf an Rechenleistung erhöht auch den Energie- und Leistungsbedarf von Rechenzentren deutlich. Dabei wird der weitere Ausbau verstärkt durch mangelnden Stromnetzausbau gebremst. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Deutschland hat dabei derzeit als einziges EU Land Mindestanforderungen für die Kennzahlen PUE und ERF definiert. Entscheidend wird deshalb sein, Rechenzentren nicht isoliert zu betrachten, sondern sie intelligent in das Energie- und Wärmesystem zu integrieren, das heißt Rechenzentren zu flexibilisieren und die entstehende Abwärme konsequent zu nutzen.
Warum wird die Zusammenarbeit zwischen Rechenzentrumsplanern bzw. -betreibern und Energieversorgern immer wichtiger? Welche Herausforderungen lassen sich aus Ihrer Sicht nur gemeinsam lösen?
Peter Junker: Die meisten Betreiber verfolgen ambitionierte Nachhaltigkeitsziele und möchten ihren Strom aus erneuerbaren Quellen beziehen. Gleichzeitig benötigen Rechenzentren eine unterbrechungsfreie Versorgung rund um die Uhr. Dies erfordert gemeinsame Konzepte für Power Purchase Agreements, Einsatz von Energiespeicher, ein aktives Lastmanagement, flexible Betriebsmodelle und die Einbindung regionaler Energieerzeugung. Gerade das Thema flexible Betriebsmodelle erzeugt bereits im Ansatz Unsicherheit, wiegen die Anforderungen an die unterbrechungsfreie Stromversorgung doch zu stark.
Jannis Lange: Die Energieversorgung muss heute viel früher in die Planung eines Rechenzentrums einbezogen werden. Ein Rechenzentrum braucht nicht einfach einen Stromanschluss, sondern ein belastbares Energie- und Infrastrukturkonzept. Dafür müssen Betreiber, Planer*innen, Netzbetreiber, Energieunternehmen und Kommunen frühzeitig zusammenarbeiten. Gemeinsam müssen sie klären, welche Netzleistung wann verfügbar ist, wie fehlende Kapazität über lokale Erzeugung oder Speicher ergänzt werden kann und wie Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit, Flexibilität und Abwärmenutzung zusammenpassen. Energieunternehmen sollten dabei die Komplexität von Energieinfrastruktur, Regulierung und Energiemärkten übernehmen. Rechenzentrumsbetreiber können sich so auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Ohne diese klare Arbeitsteilung entstehen technisch attraktive Einzelbausteine, aber noch kein tragfähiges Gesamtsystem.
Michael Ohmer: Die Energieinfrastruktur kann bei Rechenzentren nicht erst entwickelt und geplant werden, wenn Standort und Anlagenkonzept bereits feststehen. Verfügbare Anschlussleistung, Redundanzanforderungen, Ausbauzeiten sowie Autarkiegrad durch Eigenversorgung können wesentliche Auswirkungen auf das gesamte Projekt haben., Gleiches gilt für die gezielte Nutzung von Abwärme und innovative Kühlsysteme.. Deshalb müssen alle Beteiligten frühzeitig zusammenarbeiten. Entscheidend ist dabei ein gemeinsames Verständnis der Schnittstellen: Welche Anforderungen stellt das Rechenzentrum und was kann die vorhandene Infrastruktur leisten? Je früher diese Fragen geklärt sind, desto besser lassen sich technisch tragfähige und wirtschaftliche Lösungen entwickeln, die gezielt auf den definierten Standort und dessen gegebenen Randbedingungen abgestimmt sind.
Prof. Dr.-Ing. Peter Radgen: Mit steigenden Leistungen und Verbräuchen werden Rechenzentren zu relevanten Akteuren im Energiesystem. Netzanschluss, Stromqualität, Versorgungssicherheit, Flexibilität und Abwärmenutzung können Rechenzentrums- und Netzbetreiber und Energieversorger kaum unabhängig voneinander lösen. Deshalb muss bei allen Standorten das Thema Energiebedarf, Energieeffizienz und Energieintegration von Anfang an gemeinsam gedacht und geplant werden.
Auf welche Session, welchen Programmpunkt oder welchen Austausch freuen Sie sich persönlich bei der Konferenz/den Konferenzen besonders?
Peter Junker: Ich freue mich insbesondere auf den Austausch darüber, wie Rechenzentren zukünftig in größere Entwicklungen integriert werden können. Mit Rechenzentren können eine Menge Synergien gehoben werden, dafür gilt es aber Entwicklungen ganzheitlich bereits von Anfang an zu denken. Es darf einfach nicht mehr sein, eine Rechenzentrums-Entwicklung stand alone zu betrachten.
Jannis Lange: Am meisten freue ich mich auf die Diskussionen zwischen den verschiedenen Akteuren der Wertschöpfungskette. In der Praxis erleben wir täglich, dass Rechenzentrumsbetreiber, Energieversorger, Netzbetreiber, Kommunen und Investoren oft vor denselben Herausforderungen stehen, diese aber aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.
Die Konferenz schafft einen Raum, in dem diese Perspektiven zusammenkommen. Gerade die Mischung aus Energiebranche, Rechenzentrumssegment, Netzbetreibern und Branchenverbänden macht den besonderen Wert der Veranstaltung aus. Wenn daraus ein besseres gegenseitiges Verständnis und vielleicht sogar neue Kooperationen entstehen, dann haben wir bereits viel erreicht.
Die Zukunft der digitalen Infrastruktur wird nicht von einzelnen Unternehmen gestaltet, sondern durch Partnerschaften entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Michael Ohmer: Das sehr gut ausgearbeitete Programm bietet eine Vielzahl hochinteressanter Beiträge, die allesamt in sich nochmals gut aufeinander abgestimmt sind. Es gibt nur wenig Überlappung bei den Kernthemen und somit wird aus jedem Blickwinkel für alle etwas dabei sein. Innovation trifft Bewährtheit, Regulatorik und Gesetz trifft Bedarf an Umsetzbarkeit und Flaschenhals Netz trifft auf dezentrale, gesicherte Energieerzeugung, um nur wenige Beispiele zu nennen. Alles Weitere erfolgt im gemeinsamen Austausch in den Pausen und im Rahmenprogramm, welches hierfür hervorragenden Spielraum zum Erfahrungsaustausch gibt.
Prof. Dr.-Ing. Peter Radgen: Besonders freue ich mich auf den direkten Austausch zwischen Rechenzentrumsbetreibern, Energieversorgern, Planern und Technologieanbietern. Gerade an den Schnittstellen dieser Bereiche entstehen derzeit die spannendsten Fragestellungen. Mich interessiert besonders, wie man die Akteure zum Austausch und zur Kooperation bringt, denn was für den Einzelnen vielfach unattraktiv ist führt im Zusammenspiel meist zu einem Gewinn für die gesamte Gesellschaft. In den seltensten Fällen scheitert es ja an der Technik.
Ihr Wunschzielbild: Welche Erkenntnisse sollen die Teilnehmenden von der Konferenz mitnehmen?
Peter Junker: Rechenzentren sind für die weitere Entwicklung unseres Lebens ebenso elementare Betriebsmittel wie Wasserwerke oder Kraftwerke. Sie sind nicht mehr wegzudenken und werden noch in großer Zahl benötigt.
Jannis Lange: Mein Wunsch wäre, dass die Teilnehmenden erkennen: Der Engpass für neue Rechenzentren ist häufig nicht Kapital, Technologie oder Nachfrage, sondern verfügbare Energie. Power wird zunehmend zum Gatekeeper für Investitionen und digitale Wertschöpfung.
Die zentrale Erkenntnis sollte deshalb sein: Es gibt nicht die eine Versorgungslösung für alle Standorte. Netzanschluss, lokale Erzeugung, Speicher, Flexibilität und Abwärmenutzung müssen standortspezifisch zu einem wirtschaftlich und regulatorisch tragfähigen Gesamtsystem verbunden werden. Wenn die Teilnehmenden nach der Konferenz früher miteinander sprechen, klarer über Verantwortlichkeiten entscheiden und konkrete Projekte anders aufsetzen, haben wir mehr erreicht als nur einen guten fachlichen Austausch.
Michael Ohmer: Ich wünsche mir, dass die Teilnehmenden ein besseres Verständnis für das Gesamtsystem Energieversorgung entwickeln. Es gibt nicht die eine technische Lösung, die für jedes Rechenzentrum funktioniert. Standort, Leistungsbedarf, Redundanz, Netzsituation und zukünftige Erweiterungen müssen gemeinsam betrachtet werden. Die Konferenz soll deshalb zeigen, welche Konzepte technisch umsetzbar sind, wo typische Schnittstellen und Planungsrisiken liegen und welche Erfahrungen bereits realisierte Projekte liefern. Gerade die Praxiserfahrung wird ein wichtiges Gut der Veranstaltung.
Prof. Dr.-Ing. Peter Radgen: Mein Wunsch wäre, dass die Teilnehmenden erkennen, dass der Ausbau von Rechenzentren uns allen nützt, da er Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze verspricht. Gleichzeitig müssen wir sparsam mit unseren Ressourcen umgehen und Effizienzen und Synergien im Gesamtsystem erschließen. Erfolgreich waren wir, wenn aus dem Austausch konkrete Kooperationen und umsetzbare Lösungen für das weitere Wachstum der Branche entstehen.