Bundeswehr-Bauprojekte: Welche Chancen bieten Vergabe, Modulbau und serielle Bauweisen?

Wie können Unternehmen an Bauprojekten der Bundeswehr teilnehmen? Prof. Dr. Frank Kumlehn erläutert im Interview, welche Vergabeverfahren gelten, wo Ausschreibungen veröffentlicht werden und welche Eignungsnachweise Unternehmen benötigen. Außerdem ordnet er ein, wie serielle und modulare Bauweisen die Umsetzung beschleunigen und welche Chancen sich daraus für Unternehmen aus Planung, Modulbau, Fertigteilbau und Technischer Gebäudeausrüstung ergeben.

Wie funktionieren Vergabe und Beschaffung bei Bauprojekten der Bundeswehr und was sollten Unternehmen dabei beachten?

Prof. Dr. Frank Kumlehn: Bauherr für Bauprojekte der Bundeswehr ist grundsätzlich die Bundesrepublik Deutschland. Diese lässt sich bei der Vertragsabwicklung kaskadenartig durch verschiedene Institutionen vertreten. Die Zuständigkeiten sind dabei für Außenstehende oftmals nur schwer nachzuvollziehen. So übernehmen insbesondere das Bundesverteidigungsministerium (BMVg), das Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr (BAIUDBw), die Bundeswehr-Dienstleistungszentren (BwDLZ), die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) und der in den Landesbauverwaltungen integrierte Bundesbau unterschiedliche Bauherrenaufgaben.

Bei der Beschaffung von Bau-, Liefer- und Planungsleistungen für Bauprojekte der Bundeswehr gelten die Regeln des öffentlichen Vergaberechts. Vergaben müssen in einem Wettbewerb erfolgen, bei dem unterschiedliche nationale oder auch europäische Vorschriften zu beachten sind. Je nach Höhe des Auftragswerts und der Art der Leistung kommen unterschiedliche Vergabeverfahren zum Einsatz. Bei Bauaufträgen sind vorrangig zumeist das offene oder nicht offene Verfahren anzuwenden, sofern europäische Vergabevorschriften anzuwenden sind, beziehungsweise die weitgehend analoge öffentliche oder beschränkte Ausschreibung, sofern lediglich nationale Vergabevorschriften gelten. Bei allen Verfahren können sich grundsätzlich alle interessierten Unternehmen beteiligen. Im nicht offenen Verfahren beziehungsweise bei der beschränkten Ausschreibung werden allerdings nur diejenigen Bewerbenden zur Abgabe eines Angebots aufgefordert, die sich im Rahmen einer gesonderten Eignungsprüfung qualifiziert haben.

In bestimmten Ausnahmen kann bei der Vergabe von den Regelverfahren abgewichen werden. In diesen Fällen kommen dann zumeist das Verhandlungsverfahren beziehungsweise die freihändige Vergabe zum Einsatz. Teilweise sind auch Direktaufträge möglich. Ausnahmen können besondere technische, zeitkritische oder sicherheitsrelevante Anforderungen sein. Aufgrund des im Februar vom Bundestag beschlossenen Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetzes 2026 (BwBBG) gelten derzeit erweiterte Ausnahmeregelungen, sodass der Vergabewettbewerb reduziert werden darf.

Bekanntmachungen von europaweiten Ausschreibungen erfolgen über das Amt für Veröffentlichungen der europäischen Union über TED (Tenders Electronic Daily). Nationale Ausschreibungen von Baumaßnahmen der Bundeswehr finden sich zumeist unter bund.de beziehungsweise service.bund.de, unter evergabe-online.de oder auch unter bundesbau.de. Zusätzlich erfolgt eine Veröffentlichung auf den jeweiligen Landesvergabeportalen (z. B. Vergabemarktplatz Hamburg, Vergabe.NRW, Vergabeplattform Bayern usw.).

Für Unternehmen ist die sorgfältige Vorbereitung der Eignungsnachweise entscheidend. Neben der wirtschaftlichen und technischen Leistungsfähigkeit werden Referenzprojekte, personelle Ressourcen und häufig auch Qualitätsmanagementsysteme bewertet. Bei Projekten auf militärischen Liegenschaften können zusätzliche Sicherheitsüberprüfungen erforderlich sein. Von Unternehmen sollten Referenzen im öffentlichen Bauwesen bereits bei kleineren Bundeswehrprojekten aufgebaut werden, um die Chancen auf größere Aufträge zu erhöhen.
 

Welche Rolle spielen serielles und modulares Bauen bei der schnellen Umsetzung von Bundeswehr-Bauprojekten?

Prof. Dr. Frank Kumlehn: Die Bundeswehr muss aktuell in sehr kurzer Zeit erheblich wachsen. Hierfür ist die Errichtung zahlreicher Bauwerke erforderlich. Um die erforderlichen Kapazitätserweiterungen im zur Verfügung stehenden Zeitrahmen umsetzen zu können, werden standardisierte Verfahren, modulare Strategien und serielle Bauprogramme als Instrumente zur Verfahrensbeschleunigung genutzt. 

Die Bundeswehr setzt diesen Ansatz derzeit insbesondere bei der Bereitstellung beziehungsweise dem Bau von Kompanie- und Unterkunftsgebäuden im Rahmen des Bauprogramms G-CAP gezielt ein. Hierbei hat sie das aus Auslandseinsätzen bekannte Beschaffungskonzept auf deutsche Standorte übertragen. Die erforderlichen Bauwerke werden in standardisierten Baueinheiten geplant, sodass sie in großer Stückzahl weitestgehend industriell vorgefertigt werden können. 

In der ersten Ausbaustufe von G-Cap wurden Bauaufträge für etwa 270 Unterkunfts- und Kompaniegebäude an mehr als 100 Standorten vergeben. Aufgrund des erheblichen Zeitdrucks beim Aufwuchs wurden im Rahmen der ersten Vergaben zunächst sogar reine Containerlösungen beschafft. Bei den aktuellen Vergaben kommen überwiegend Bauwerke in serieller oder Modulbauweise zum Einsatz. 

In der zweiten Ausbaustufe von G-Cap sollen ganze Kasernen „vom Fließband“ errichtet werden. Unter anderem sollen dabei auch Verpflegungseinrichtungen und Truppenküchen, technische Bereiche und Werkstätten, Sportanlagen und Ausbildungseinrichtungen, Lehr- und Ausbildungsgebäude sowie Waffenkammern und militärische Funktionsgebäude in serieller oder modularer Bauweise errichtet werden. Hierfür finden aktuell erforderliche Planungsleistungen statt.

Gegenüber konventionellen Bauweisen lassen sich die Planung, die Ausschreibung und die Bauausführung deutlich vereinfachen. Da Module außerhalb des Baustellengeländes im Werk gefertigt werden, können deren Produktion und die erforderlichen Erschließungs- und Erdarbeiten vor Ort zeitlich parallel erfolgen. Auf der Baustelle beschränkt sich die Bautätigkeit danach weitgehend auf die Montage der vorgefertigten Elemente. In diesen ist der allgemeine und technische Ausbau bis auf wenige Tätigkeiten bereits abgeschlossen. Dies verkürzt die Projektlaufzeiten erheblich und ermöglicht eine schnellere Bereitstellung der kurzfristig von der Bundeswehr benötigten Gebäude. Die Bauweise führt zudem zu einer im Vergleich zur konventionellen Projektabwicklung höheren Termin- und Kostensicherheit sowie einer gleichbleibend hohen Bauqualität.

Für Unternehmen aus Planung, Holzmodulbau, Betonfertigteilbau, Stahlmodulbau und TGA ergeben sich vielfältige Chancen, weil die Vergabestruktur stark auf industrielle Fertigungs- und Lieferketten ausgelegt ist. Gefragt sind Anbieter mit Erfahrung in modularen Systemlösungen, industrieller Vorfertigung, BIM-gestützter Planung sowie standardisierten Bauprozessen. Wer solche Kompetenzen nachweisen kann, hat gute Auftragschancen bei den bald anstehenden weiteren Vergaben im Rahmen des Bauprogramms G-CAP.

Zur Person:

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dipl.-Wirtsch.-Ing. Frank Kumlehn

ist Leiter der Professur für Baubetrieb und Baumanagement von Großprojekten an der Helmut Schmidt Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg. Hier erforscht er unterschiedliche Themen rund um die organisatorische, terminliche und kostenmäßige Abwicklung von Bauvorhaben. Als Inhaber der CEM Consultant Prof. Kumlehn GmbH und ö.b.u.v. Sachverständiger verfügt er über langjährige Erfahrungen bei der Erarbeitung von Problemlösungen für alle am Bau beteiligten Parteien.

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