Digitale Souveränität hat sich in den vergangenen Jahren von einem Thema, das lediglich in Fachkreisen diskutiert wurde, zu einer zentralen Anforderung in Unternehmen und bei der öffentlichen Hand entwickelt. Auf dem kommenden VDI-Kongress smartAI wird dieses Thema ausführlich diskutiert, Stephan Ilaender, Field CTO bei STACKIT, der Cloud- und Colocation-Marke der Schwarz-Gruppe, wird dazu eine Keynote halten. Im Interview vorab erklärt er, warum die europäische Wirtschaft angesichts geopolitischer Spannungen dringend einen Plan B benötigt – und was erforderlich ist, um eine tragfähige europäische Infrastruktur als Alternative zu großen US-Anbietern aufzubauen.
Herr Ilaender, Sie eröffnen den VDI-Kongress smartAI mit einer Keynote zum Thema „Digitale Souveränität als Wettbewerbsvorteil“. Zunächst einmal: Wie würden Sie den Begriff digitale Souveränität, der zu einem arg strapazierten Buzzword geworden ist, konkret definieren? Bedeutet das für Sie unter anderem die vollständige Autarkie von den US-Hyperscalern?
Stephan Ilaender: Nein, absolute Autarkie kann nicht das primäre Ziel von digitaler Souveränität sein. Ein gewisses Maß an Autarkie ist ein Baustein dabei, aber ich definiere den Begriff Digitale Souveränität grundlegender über drei zentrale Eigenschaften:
- Survivability (Überlebensfähigkeit): Das ist der erste Schritt. Unternehmen sollten in der Lage sein, geschäftskritische Daten und Geschäftsvorfälle in einer überlebensfähigen Infrastruktur zu pflegen.
- Handlungsfreiheit: Die konsequente Vermeidung von Vendor-Lock-ins. Als Unternehmen benötigt man stets die Freiheit, Entscheidungen selbst zu treffen und jederzeit auf eine zweite Alternativlösung zurückgreifen zu können.
- Volle Transparenz: Nur so lässt sich Vertrauen und Verlässlichkeit schaffen. Open Source ist dabei ein ganz wesentlicher Baustein.
Bei STACKIT ist es unsere erklärte Absicht, ein souveräner europäischer Hyperscaler zu sein – wir treten also bewusst gegen die bekannten US-Anbieter an.
Sie bezeichnen digitale Unabhängigkeit explizit als „Wettbewerbsvorteil“. Wie genau lässt sich dieser Vorteil in barer Münze oder geschäftlichem Erfolg bemessen?
Stephan Ilaender: Wer sich von Lock-ins befreit, befreit sich gleichzeitig aus unkalkulierbaren Kostenfallen. Ein Beispiel dazu: Als Retailer können wir arbiträre Preiserhöhungen von Hyperscalern nicht einfach auf unsere Geschäfte umlegen.
Doch wir haben uns nicht nur selbst von Abhängigkeiten und steigenden Cloud-Kosten befreit, sondern bieten diesen souveränen Stack nun als kompetitives Produkt auch am Markt an. Jeder externe Nutzer zieht daraus exakt dieselben Vorteile: Es gibt keine Lock-ins, keine versteckten Kostenfallen, Anwender können ein- und ausziehen, wie sie möchten.
Sie nutzen für Ihre Lösungen das sogenannte „Customer Zero“-Prinzip. Können Sie diesen Ansatz erläutern?
Stephan Ilaender: „Customer Zero“ oder „Kunde Null“ bedeutet schlichtweg: Wir verwenden alle Dienste, die wir entwickeln, zunächst selbst für unsere eigenen, kritischen Plattformen. Wenn wir über unsere Cloud sprechen, reden wir nicht über graue Theorie. Wir migrieren über Zeit alle kritischen Systeme unserer Retail-Sparte auf STACKIT-Produkte.
Der Anforderungskatalog dahinter ist enorm: Unsere Filialen müssen jeden Tag öffnen, die Menschen wollen einkaufen und auch bezahlen können. Als es beispielsweise große Stromausfälle in Deutschland oder Spanien gab, blieben die Lidl-Filialen offen und die Kassen-Systeme liefen weiter. Wir verfügen über Sondergenehmigungen, mit denen wir Zahlungstoken prozessieren können, selbst wenn temporär keine Internetverbindung in der Nähe verfügbar ist. Für externe Kunden ist das der ultimative Lackmustest: Wenn eine Infrastruktur die hohen Anforderungen unseres Retail-Betriebs ohne Nachteile abbilden kann, dann funktioniert sie auch für jedes andere Unternehmen.
Oft wird geklagt, dass Europa aufgrund von Überregulierung und hohen Energiekosten gar nicht in der Lage sei, eigene Hyperscaler aufzubauen. Wie sehen Sie den Standort Europa?
Stephan Ilaender: Es ist zweifellos eine große Herausforderung, die einen langen Atem und eine hohe finanzielle Kraft erfordert – etwas, das die Unternehmen der Schwarz Gruppe glücklicherweise stemmen können. Aber es ist absolut möglich. Wir finden aktuell exzellente Fachkräfte, gerade weil unsere Vision einer souveränen Cloud so viele Menschen anzieht, und wir verzeichnen eine sehr hohe Nachfrage nach unseren Services.
Was wir von der Politik fordern, ist kein unfairer Wettbewerbsvorteil, sondern ein „Level Playing Field“ – also echte Chancengleichheit. Allerdings sehen wir derzeit ein Ungleichgewicht: Aktuell fließen jährlich rund 225 Milliarden Euro aus der öffentlichen Hand und der europäischen Wirtschaft in amerikanische Cloud-Dienste, oft ohne dass ein Plan B existiert. Andere Kontinente haben unsere regulatorischen Restriktionen nicht und werden zudem staatlich massiv gefördert. Wir bieten die gleiche Qualität aus einer souveränen europäischen Quelle, und diese Chance sollte der Markt – und somit auch der Staat – nutzen. Mein Ansatz lautet daher ganz klar: „Buy more European“.
Wie konnte der deutsche Mittelstand überhaupt so tief in eine Abhängigkeit geraten? Hat man die Bedeutung von Daten zu Beginn der Digitalisierung unterschätzt?
Stephan Ilaender: Man hat definitiv unterschätzt, dass man sich in eine Situation manövriert, in der das eigene geistige Eigentum und die Wertschöpfung nicht mehr vollständig kontrollierbar sind. Viele Unternehmen haben sehr freizügig hochspezialisierte Software-Produkte genutzt, die ganz gezielt darauf designt waren, einen Lock-in-Effekt zu erzeugen.
Zusätzlich wurden geopolitische Risiken und Gesetze wie der US Cloud Act ausgeblendet. Heute stellt sich für viele Firmen die Frage, ob nicht womöglich aus national begründeten Anliegen auf Daten zugegriffen wird, die eigentlich ein Geschäftsgeheimnis darstellen. Somit stehen viele Mittelständler heute vor der Herausforderung, sich aus den gewachsenen Abhängigkeiten wieder zu befreien.
Wie sieht ein Migrationspfad aus diesen Lock-ins konkret aus? Wie können dies Unternehmen meistern, ohne das laufende Geschäft zu gefährden?
Stephan Ilaender: Die Unternehmen der Schwarz Gruppe haben das an einigen Stellen sehr konsequent umgesetzt, beispielsweise mit einem vollständigen, harten Exit aus Office 365 hin zu einer souveränen Alternativlösung.
Wer Cloud-nativ entwickelt und mit modernen Entwicklungsparadigmen arbeitet, hat es heute deutlich leichter. Entwickler können mit identischen Werkzeugen arbeiten, es ist dann im Grunde oft nur eine Frage von „Deploy und Redeploy“ auf einer neuen Abstraktionsebene, die von einem souveränen Anbieter bereitgestellt wird.
Wichtig ist zudem die saubere Partitionierung der Daten: Daten mit hohem IP-Schutz oder DSGVO-Relevanz müssen in europäischer Infrastruktur unter europäischer Regulierung liegen. Und für Unternehmen, die diese Power nicht selbst haben: Wir sind keine reine „Do-it-yourself-Cloud“. Wir bieten Professional Services an, um solche Cloud-Migrationen aktiv zu begleiten.
Sie haben vorhin die Transparenz durch Open Source betont. Welchen konkreten Sicherheitsvorteil bietet das gegenüber proprietärer Software?
Stephan Ilaender: Open Source bietet uns die enorme Innovationskraft einer riesigen globalen Community. Wir müssen das Rad nicht bei jeder Entwicklung neu erfinden.
Der viel wichtigere Punkt ist aber die Security und Zertifizierung: Bei quelloffenem Code können wir ziemlich sicher ausschließen, dass sich im System versteckte „Kill Switches“ oder Backdoors befinden, da der Code öffentlich überprüfbar ist. Bei proprietärer Software haben Sie diese Garantie nicht.
Sie sprechen „Kill Switches“ an. Spüren Sie, dass die geopolitischen Krisen das Bewusstsein für digitale Souveränität zuletzt noch einmal geschärft haben?
Stephan Ilaender: Absolut. Wir haben erst kürzlich erlebt, wie internationalen Organisationen wie dem Internationalen Strafgerichtshof der Zugriff auf bestimmte KI-Modelle abrupt abgeschnitten wurde. In solchen Momenten muss man einfach einen Plan B haben.
Die aktuellen Krisen sind ein schmerzhafter, aber absolut notwendiger Weckruf für Europa. Der Case für digitale Souveränität ist gegeben, jetzt muss auch dringend gehandelt werden.
Herr Ilaender, wenn wir fünf Jahre in die Zukunft blicken: Wo steht Europa dann beim Thema Cloud und KI-Infrastruktur?
Stephan Ilaender: Ich blicke sehr optimistisch in die Zukunft, gerade weil der aktuelle Weckruf endlich gehört wird. Meine Vision für die nächsten fünf Jahre ist, dass wir nicht mehr explizit über den Begriff „digitale Souveränität“ diskutieren müssen.
Souveränität darf kein bloßes Buzzword mehr sein, sondern muss zu einer reinen Commodity werden – einem eingebauten Standard-Merkmal all unserer IT-Produkte und Lösungen. Es gibt dann einfach nur noch IT-Dienste mit einem integrierten Souveränitäts-Layer. Bis dahin ist es noch ein Stück Weg, aber wir gehen ihn konsequent.