Vom Hype zur Realität am Shopfloor: Neue Entwicklungen für effizienteres Engineering von Roboterapplikationen

Quelle: Fraunhofer IPA

Vier Trends rund um die Automatisierung der Automatisierung.

Glaubt man vielen Experten, dürfte Robotik am Shopfloor schon in wenigen Jahren zum Standard werden. Die Forderung nach hoher Flexibilität in der Fertigung und tendenziell kleineren Losgrößen beschleunigt diese Entwicklung zusätzlich. „Automation of Automation“, unter diesem griffigen Titel wird Dr.-Ing. Werner Kraus, Forschungsbereichsleiter am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart im Rahmen des VDI-Kongresses AUTOMATION über technologische Sprünge und neue Wege zu einem effizienteren Engineering von Roboterapplikationen referieren. Im Vorfeld hat er unsere Fragen beantwortet. 

Herr Dr. Kraus, am Fraunhofer IPA befassen Sie sich seit Jahren intensiv mit Chancen und Möglichkeiten der Robotik. Wo stehen wir in Anwendungen für die Fertigungsautomation aktuell?

Dr.-Ing. Werner Kraus: Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich zunächst ein Blick auf die zeitliche Perspektive. In den USA rückten Themen wie Deep Learning ab etwa 2012 stark in den Fokus, in Deutschland und Europa kam dieser Trend einige Jahre später an. Seitdem haben wir vor allem in der Bildverarbeitung enorme Sprünge gemacht. Dies hat viele neue Automatisierungsmöglichkeiten eröffnet. Aber die eigentliche Herausforderung ist heute nicht mehr die Technik an sich, sondern der Marktbedarf. In vielen Produktionsbereichen führt die Entwicklung weg vom Massenprodukt hin zu kleineren bis kleinsten Losgrößen. Das erfordert Roboter, die flexibel für wechselnde Produkte geeignet sind, ohne dass ein Ingenieur jedes Mal viel Zeit und Aufwand investieren müsste, um den Prozess jeweils neu zu programmieren. Um dieses Thema zu lösen, gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder wird der Roboter selbst viel autonomer oder wir machen den Engineering-Prozess im Vorfeld so effizient, dass die Komplexität beherrschbar bleibt.

Sie haben dafür den Begriff „Automation of Automation“ geprägt. Was verbirgt sich dahinter?

Dr.-Ing. Werner Kraus: Der Impuls für den Begriff stammt aus einem Projekt mit einem japanischen Automobilzulieferer. Die Ansage war klar: Die Lead Time und der gesamte Engineering-Aufwand für automatisierte Montagelinien sollten halbiert werden. Wenn man sich den massiven Zeitaufwand für hochqualifizierte Ingenieure in derartigen Projekten vor Augen führt, wird schnell klar, dass hier der größte Hebel für Effizienzgewinne liegt. „Automation of Automation“ bedeutet, dass Assistenzsysteme, digitale Zwillinge, Simulationen und selbstlernende Algorithmen zum Einsatz kommen, um genau diese Planungsphase zu stützen und zu vereinfachen. Der Clou dabei ist, dass die KI hier nicht im laufenden Prozess am Roboter, also „in the loop“, agieren muss. Stattdessen bereitet sie vor, und ein Ingenieur prüft am Ende dieses Ergebnis. Das erhöht die Robustheit enorm. Wenn ein Roboter in der Fertigung nur eine Erfolgsquote von 80 Prozent hat, macht man sich mit Sicherheit in der Produktion keine Freunde. Aber wenn ein Assistenzsystem dem Ingenieur 80 Prozent der Arbeit abnimmt und er nur noch die Korrekturen vornimmt, ist der daraus resultierende Mehrwert enorm.

Das heißt, der Ingenieur wird eher zum Kurator von KI-Ergebnissen? Verändert das nicht das gesamte Berufsbild massiv?

Dr.-Ing. Werner Kraus: In der Tat, der Weg führt vom tiefen Eintauchen in Robotics Foundation Models hin zu einer fast schon beratenden oder unternehmerischen Funktion. Die Kernkompetenz für Ingenieure wird es in Zukunft sein, den Praxisbezug sicherzustellen und die eigentliche Kundenanforderung im Detail zu durchdringen. Denn nur so kann die Robotik maßgeschneiderte Lösungen ermöglichen.
 

Wenn wir über neue Technologien sprechen, kommen wir an Robotics Foundation Models und Open-Source-Ansätzen nicht vorbei. Wie schätzen Sie deren Reife für den industriellen Einsatz ein?

Dr.-Ing. Werner Kraus: Die aktuellen Vision-Language-Action-Modelle erreichen Erfolgsraten von etwa 80 Prozent. Das ist zweifelsohne beeindruckend, aber für eine hochpräzise Fertigung eben noch nicht ausreichend. Hier kommt die Demokratisierung der Robotik ins Spiel. Diese verfolgt dasselbe Prinzip wie IKEA: Der Endanwender nimmt den Roboter selbst in Betrieb, weil die Systeme so intuitiv geworden sind. Manchmal hakt es vielleicht in der Praxis noch, aber in jedem Fall ist man nachher über das Ergebnis stolz und ist um einige Erfahrungen reicher. Vor zehn Jahren brauchte man für einfache Palettieraufgaben noch einen Systemintegrator oder gar Experten etwa vom Fraunhofer-Institut. Heute macht das der Mittelständler selbst, SI und IPA ebnen den Weg für die nächsten anspruchsvollen Automatisierungslösungen. Die KI ermöglicht uns jetzt zusätzlich, Prozesse anzugehen, die früher sofort ausgeklammert worden wären, etwa das Handling von biegeschlaffen Teilen oder verhakten Komponenten. Der Roboter programmiert sich über die KI-Modelle in gewisser Weise selbst.
 

Ein Schwerpunkt Ihres Vortrags wird sich mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen. Wie kann KI-basierte Robotik konkret zur Kreislaufwirtschaft beitragen?

Dr.-Ing. Werner Kraus: Die Kreislaufwirtschaft bildet ein perfektes Spielfeld für KI. In der Montage ist jedes Teil neu, kann beispielsweise von Bildverarbeitungssystemen bestens erkannt werden und passt perfekt. In der Demontage etwa von Elektroautobatterien hingegen spielen Faktoren wie Verschleiß, Rost und Beschädigungen eine zentrale Rolle. Ein Mensch nutzt beim Zerlegen auch keine Anleitung, sondern seine Erfahrung. Genau dieses Vorwissen kann auch dem Roboter mitgegeben werden, wie etwa das Pilotprojekt „Demobat“ zur Batteriedemontage zeigt. Dabei geht es aber nicht nur um Fragen der Effizienz, sondern insbesondere der Sicherheit. Batterien können explodieren, Stichwort Thermal Runaway. Ein Roboter, der diese Aufgaben übernimmt und dabei flexibel auf den Zustand der Batterie reagiert, ist ein echter Gamechanger. Zudem zwingen EU-Recyclingquoten unter anderem für Lithium dazu, diese Prozesse zu automatisieren, weil das Volumen der Rückläufer in den kommenden Jahren massiv ansteigen wird.
 

Zudem setzen Sie gezielt auf eine „Blue Ocean Strategie“. Können Sie uns ein Beispiel dafür geben, wo Robotik heute jenseits der klassischen Werkshalle erfolgreich ist?

Dr.-Ing. Werner Kraus: Diese Strategie zielt darauf ab, sich auf Märkte zu konzentrieren, in denen noch keine „Haie“ schwimmen, also wo noch kein hoher Wettbewerbsdruck besteht – anders als beispielsweise in der Automobilindustrie. Ein treffendes Beispiel ist die Lösung für den Pferdereitplatz, die wir für einen Hof in Ludwigshafen entwickelt haben. Ein Roboter zieht hier abends den Platz ab – eine Arbeit, die früher manuell mit dem Traktor erledigt wurde. Das System ist von der Navigation her simpel, aber der Nutzen ist sofort greifbar: Der Betreiber spart jeden Tag ein bis zwei Stunden. Die Resonanz war gewaltig, über 1,7 Millionen Views auf Facebook hat dieses Referenzprojekt in kurzer Zeit erzielt. Inzwischen wurde von dieser Lösung eine Kleinserie aufgelegt, das Interesse in diesem Anwendersegment ist groß. Eine vergleichbare Technologie nutzen wir beispielsweise für den Rheinmetall Konzern im ROX-Projekt, um den Werksverkehr in Munitionsfabriken zu automatisieren. Der Unterschied liegt dabei jeweils nicht in der Programmierung, sondern in der Identifizierung des echten Bedarfs und den individuellen Anforderungen in unterschiedlichsten Applikationen.

Quelle: Fraunhofer IPA/Foto: Rainer Bez

Humanoide Roboter haben viel Einsatzpotenzial, aber Themen wie Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und anwendungsbezogene Anforderungen müssen jeweils gelöst werden.

Ein Thema, das nicht nur die Fachwelt bewegt, sind humanoide Roboter. Welche Erwartungen haben Sie daran?

Dr.-Ing. Werner Kraus: Vieles, was in diesem Bereich gezeigt wird, ist momentan eher noch als Marketingmaßnahme zu bewerten. Die Realität hinkt hinterher. Eine Kiste von A nach B zu stapeln, ist für einen humanoiden Roboter immer noch extrem anspruchsvoll. Aber die Entwicklungsgelder, die in humanoide Roboter fließen, erzeugen massive Spillover-Effekte für die gesamte Industrie. Ein interessanter Punkt ist die Teleoperation. Wenn der Roboter auf ein Problem stößt, das er autonom nicht lösen kann, greift ein Mensch remote ein. Bei Waymo beispielsweise kontrolliert ein Mensch so bis zu Einhundert autonome Fahrzeuge. Dieser Weg könnte auch in der Robotik zum Katalysator werden. Gleichzeitig ist eine Konvergenz zu beobachten: Viele Hersteller stellen fest, dass Beine oft gar nicht nötig sind und setzen den Oberkörper lieber auf Räder. Es wird sich ähnlich entwickeln wie bei den Cobots: Erst ein großer, Marketing-getriebener Hype, dann ein gewisses Maß an Ernüchterung – und heute haben kollaborierende Roboter längst ihren festen Platz beim Schweißen oder in der Maschinenbeladung gefunden.

China investiert umfassende Ressourcen in die Entwicklung humanoider Roboter. Wie bewerten Sie das Risiko, dass wir in Deutschland und Europa technologisch den Anschluss verlieren?

Dr.-Ing. Werner Kraus: Es klingt bizarr, doch China nutzt humanoide Tanzroboter tatsächlich als Lernplattform. Das ist zwar nicht unmittelbar wertschöpfend, aber es bringt in kurzer Zeit viele Erfahrungen und Lerneffekte zur Weiterentwicklung und Robustheit unter realen Bedingungen. Der Vorteil in Deutschland und Europa liegt im jahrzehntelangen Produktionswissen, das für die Weiterentwicklung der Robotik von zentralem Nutzen ist. Doch die Halbwertszeit dieses Wissens schrumpft. Anders gesagt: Wir müssen raus aus dem Labor und rein in die Anwendung, auch wenn es am Anfang nicht die perfekte 100-Prozent-Lösung ist. Das Potenzial in Europa ist da, die Finanzierungsrunden werden größer und die Dynamik in der Robotik-Entwicklung zieht spürbar an.

Quelle: Fraunhofer

Der autonome Reithofroboter ARA ebnet in Reithallen die Böden ein.

Zum Abschluss: Was sind aus Ihrer Sicht Erfolgskriterien für das Gelingen von Robotik-Technologien?

Dr.-Ing. Werner Kraus: Der Versuch, den Menschen eins zu eins zu kopieren, wird nicht zur effizientesten Lösung führen. Stattdessen geht es darum, Prozesse vollkommen neu zu denken. Robotik ist kein Allheilmittel und nicht für jeden Prozessschritt zwingend notwendig. Aber dort, wo sie genutzt wird, sollte sie durch KI so smart gemacht werden, dass sie sich nahtlos in flexible Produktionswelten integriert. Die menschliche Kreativität und Intelligenz werden dabei in Zukunft mehr denn je gefragt sein, um eine Brücke zu bauen zwischen den technologischen Möglichkeiten und der Realität im Werk – oder auch mal an ungewöhnlicheren Orten wie einem Reitplatz.

Zur Person:

Quelle: Fraunhofer IPA

Dr.-Ing. Werner Kraus

Dr.-Ing. Werner Kraus leitet den Forschungsbereich Automatisierung und Robotik am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der industriellen Robotik, KI-gestützter Automation und der Entwicklung effizienter Engineering-Prozesse.

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