6 Thesen zur Transformation und zum Ausbau von Wärmenetzen in Deutschland

Die kommunale Wärmeplanung kommt in Deutschland sichtbar voran. Doch aus fertigen Plänen werden noch keine klimaneutralen Wärmenetze. Die drei Leiter der 3. VDI-Konferenz „Transformation und Ausbau von Wärmenetzen“Dr. Ulrich Liebenthal (Hamburger Energiewerke GmbH), Dr. Stephan Richter (GEF Ingenieur AG) und Gerhard Stryi-Hipp (Fraunhofer ISE) haben hierzu ein Thesenpapier (Download siehe unten) erstellt und machen deutlich: Jetzt braucht es realistische Erwartungen, konkrete Umsetzungsstrategien, verlässliche Förderbedingungen und neue Innovationen für den Wärmesektor.

Datengrundlage für die lokale Wärmewende – Prozess läuft

Die kommunale Wärmeplanung ist in Deutschland in eine neue Phase eingetreten. In vielen Städten und Gemeinden werden die gesetzlich geforderten Wärmepläne inzwischen erarbeitet oder bereits abgeschlossen. Damit entstehen erstmals breiter verfügbare Datengrundlagen für die lokale Wärmewende. Gleichzeitig wächst der Druck, aus den Konzepten rasch sichtbare Projekte zu machen. Genau an diesem Punkt setzen die Autoren des VDI-Thesenpapiers an: Die Wärmeplanung sei erfolgreich angelaufen, nun müsse der Fokus auf Umsetzung, Planbarkeit und belastbaren politischen Rahmenbedingungen liegen. Tatsächlich deutet der aktuelle Stand der kommunalen Wärmeplanung auf deutliche Fortschritte hin. Nach Angaben des Kompetenzzentrums Kommunale Wärmewende (KWW) hatten im Januar 2026 bereits 43 % der Kommunen mit mehr als 100 000 Einwohnern ihre Wärmeplanung abgeschlossen. Für diese Gruppe gilt eine gesetzliche Frist bis zum 30. Juni 2026. Das zeigt: Der Prozess kommt voran und liefert vielerorts erstmals strukturierte Informationen darüber, welche Wärmequellen, Netzoptionen und Versorgungsgebiete vor Ort perspektivisch infrage kommen. 

Zugleich weist das KWW selbst darauf hin, dass die Übersicht keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und einzelne Angaben veraltet sein können. Mit dem Fortschritt der Planung steigt jedoch auch die Erwartungshaltung. Politik, Öffentlichkeit und viele Gebäudeeigentümerinnen und -eigentümer verbinden mit den kommunalen Wärmeplänen die Hoffnung auf schnelle Orientierung und zügige Entscheidungen. Der Druck ist auch deshalb hoch, weil die klimapolitische Dringlichkeit weiter zunimmt: Nach Daten des EU-Erdbeobachtungsprogramms Copernicus war 2025 global das drittwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen; 1 Fachartikel VDI Wissensforum GmbH für Europa war es ebenfalls das drittwärmste Jahr. Die Wärmewende steht damit unter einem wachsenden klima- und energiepolitischen Handlungsdruck. 

Wärmepläne sind noch keine Bauprogramme 

Genau hier liegt nach Einschätzung der Autoren des VDI-Thesenpapiers ein zentrales Missverständnis. Kommunale Wärmepläne liefern wichtige Rahmendaten und strategische Zielbilder, sie ersetzen aber keine Projektentwicklung. Ob ein Wärmenetz tatsächlich erweitert werden kann, welche Erzeugungsstruktur sich wirtschaftlich abbilden lässt, wie hoch die Anschlussquote ausfällt und welche Investitionen wann tragfähig sind, lässt sich erst in der vertieften Planung beantworten. Zwischen Wärmeplan und Umsetzung liegt daher ein arbeitsintensiver Schritt, der technische, wirtschaftliche, rechtliche und kommunikative Detailarbeit verlangt. 

Für Kommunen und Wärmeversorger ergibt sich daraus eine doppelte Herausforderung. Einerseits müssen sie die im Wärmeplan identifizierten Optionen in konkrete Maßnahmen übersetzen. Andererseits müssen sie Erwartungen managen. Wenn Öffentlichkeit und Politik Wärmepläne als unmittelbare Handlungsanleitung missverstehen, drohen Enttäuschungen. Das gilt besonders dort, wo Bürgerinnen und Bürger schnelle Klarheit für anstehende Investitionen in ihre Heiztechnik erwarten. Die Wärmeplanung kann Orientierung geben, aber sie kann nicht jede Einzelentscheidung sofort auflösen. Aus Sicht des VDI-Papiers braucht die Wärmewende deshalb vor allem eines: verlässliche Umsetzungsbedingungen. Der Ausbau und die Dekarbonisierung von Wärmenetzen sind langfristige Infrastrukturaufgaben. Sie erfordern hohe Investitionen, ausreichend Fachpersonal, tragfähige Geschäftsmodelle und gesellschaftliche Akzeptanz. Hinzu kommt, dass Wärmenetze nur dann wirtschaftlich entwickelt werden können, wenn mittelfristig eine hinreichend gesicherte Nachfrage besteht. Ohne stabile politische Leitplanken geraten solche Planungen schnell unter Druck. 

Wärmenetze brauchen Planungssicherheit und Innovationen 

Besonders kritisch sieht das Thesenpapier bestehende Barrieren im regulatorischen Rahmen. Für einen beschleunigten Wärmenetzausbau reichten die aktuellen Bedingungen vielerorts noch nicht aus. Benannt werden Hindernisse im Rechtsrahmen ebenso wie der Bedarf an verlässlichen Fördermechanismen, damit Wärmekundinnen und -kunden bezahlbare Preise angeboten werden können. Für die Branche geht es dabei nicht nur um Investitionszuschüsse, sondern auch um Kontinuität: Wer Netze über Jahrzehnte plant und finanziert, braucht belastbare 2 Fachartikel VDI Wissensforum GmbH Rahmenbedingungen über Legislaturperioden hinweg. Die VDI Wissensforum GmbH beschreibt die Konferenz entsprechend als Plattform, auf der Wissenschaft, Wirtschaft und Kommunen darüber diskutieren, wie die Transformation der Wärmeversorgung gelingen kann. 

Ein weiterer Punkt des Thesenpapiers ist der Innovationsbedarf. Die Fortschritte bei der Wärmepumpentechnologie zeigen aus Sicht der Autoren, dass Forschung und Entwicklung die Wärmewende erheblich beschleunigen können. Ähnliche Innovationsschübe seien nun in anderen Bereichen nötig. Das gelte etwa bei der Erschließung geothermischer Wärmequellen, bei Großwärmespeichern, bei Niedertemperaturkonzepten oder bei der Kostensenkung im Netzbau. Gerade im Wärmesektor entscheidet nicht eine einzelne Technologie über den Erfolg, sondern das Zusammenspiel aus Infrastruktur, Erzeugung, Digitalisierung und lokaler Ressourcenbasis. 

„Aktuell birgt der Vierklang aus Skalierung (also Ausbau), Dekarbonisierung, Rentabilität und Preisstabilität eine große Herausforderung. Mit der angekündigten Regulatorik wurde eine Transformation im Wärmesektor angestoßen. Doch es scheint, als würde der Rückenwind aus Berlin nachlassen.“, sagt Dr. Ulrich Liebenthal im Interview mit dem VDI Wissensforum. Die bisherigen Fortschritte zeigen, dass Kommunen und Versorger den strategischen Teil der Aufgabe ernsthaft angehen. Jetzt wird entscheidend sein, ob Politik und Regulierung den nächsten Schritt ermöglichen: mit belastbaren Gesetzen, verlässlicher Förderung, weniger Umsetzungsbarrieren und ausreichend Raum für Innovationen. Für die Wärmewende vor Ort bedeutet das: Der Erfolg wird sich in den kommenden Jahren nicht allein daran messen, wie viele Wärmepläne beschlossen wurden. Entscheidend wird sein, ob daraus tatsächlich neue Wärmenetze, dekarbonisierte Erzeugungsstrukturen und investitionsfähige Projekte entstehen. Die Richtung ist gesetzt. Ob daraus ein tragfähiger Transformationspfad wird, hängt nun von der praktischen Umsetzung ab.

Das Thesenpapier kann hier heruntergeladen werden: 

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