Normung von Polygonverbindungen – Von den K-Profilen zur DIN 3689

Quelle: Westsächsische Hochschule Zwickau, Prof. Dr.-Ing. habil. M. Ziaei

Spannungsverteilung im Polygonquerschnitt

Polygon-Welle-Nabe-Verbindungen (WNV) übertragen Drehmomente und Axialkräfte formschlüssig. Ihre selbstzentrierende Wirkung und gleichmäßige Flächenpressung machen sie zu einer attraktiven Alternative gegenüber der Keilwellenverbindung. Die Normungsgeschichte dieser Verbindungsart spiegelt dabei stets den Stand der jeweils aktuellen Fertigungstechnik wider.
 

1. Historische Entwicklung

Die Normung von Polygonprofilen war über viele Jahrzehnte primär fertigungstechnisch bestimmt, und weniger durch geometrische oder festigkeitstheoretische Überlegungen geprägt.. Die Wurzeln der Polygonverbindungen liegen in den sogenannten K-Profilen, die eine epitrochoidische Geometrie aufweisen – eine Kurve, die durch Abrollen eines Kreises auf der Außenseite eines anderen Kreises entsteht. Erstmals industriell gefertigt wurden diese Profile 1935 von der Firma Krause in Österreich mit einer eigens entwickelten Sondermaschine, woraus sich die Bezeichnung „K-Profile“ ableitet [1].

In den 1960er-Jahren führte der Wunsch nach höherer Maschinensteifigkeit und Übertragungsgenauigkeit zur Weiterentwicklung hin zu den heute als P3G-Profile (DIN 32711) und P4C-Profile (DIN 32712) bekannten Profilen [2, 3]. Die Geometrie dieser Profile wurde maßgeblich durch eine neu entwickelte Sonderschleifmaschine geprägt: Die Maßreihen wurden direkt an die verbauten Getriebe und deren Übersetzungsverhältnisse angepasst. Die Folge waren geometrisch nicht ähnliche Maßreihen – ein P3G-Profil mit 30 mm Durchmesser ist keine skalierte Version eines 20-mm-Profils.

Diese historisch gewachsene Inkonsistenz führt zu einer grundlegenden Schwierigkeit bei der Auslegung und Dimensionierung von Polygonverbindungen. Die empfohlenen Berechnungsvorschriften sind stark vereinfacht und basieren auf stark vereinfachenden Annahmen, etwa einem linear-elastischenMaterialverhalten oder der Vernachlässigung von Flankenpressungsgradienten [4, 5].
 

2. Die neue Normengeneration: DIN 3689

Erst im Jahr 2020 wurde mit der DIN 3689 eine grundlegend neue Norm für Polygonverbindungen veröffentlicht [6]. Diese basiert nicht mehr auf epitrochoidischen, sondern auf hypotrochoidischen Konturen (H-Profile). Bei der Hypotrochoide rollt ein Kreis im Inneren eines anderen Kreises ab, was zu veränderten Spannungs- und Schmierungsbedingungen führt. Forschungen der FVA belegen eine bis zu 60 % höhere dynamische Tragfähigkeit der Hypotrochoide gegenüber konventionellen Passfedern [7].

Die DIN 3689 ist dreiteilig aufgebaut:

Teil 1 (veröffentlicht) enthält die vollständige geometrische Beschreibung der H-Profile in analytischer Form sowie umfangreiche Maßreihen für unterschiedliche Flankenzahlen und Profilexzentrizitäten [6]. Erstmals liegt eine geometrisch ähnliche Maßsystematik vor, die eine systematische Skalierung über verschiedene Baugrößen hinweg erlaubt.

Teil 2 (in Bearbeitung) widmet sich der Berechnung und Dimensionierung – unterteilt in Teil 2-1 (Profilwelle) und Teil 2-2 (Profilverbindung). Die Berechnungsmethoden orientieren sich an etablierten Verfahren der Verzahnungstechnik [8].

Teil 3 (in Bearbeitung) behandelt Herstellung und Tolerierung. Zwei Fertigungsverfahren werden detailliert beschrieben: das Unrunddrehverfahren (Zweispindelverfahren sowie oszillierendes Unrunddrehen) und das Abwälzfräsen [8].
 

3. Modulare Fertigung als Schlüsselinnovation

Die bedeutendste Neuerung ist die Einführung von Normmoduln für H-Profile, analog zur Verzahnungstechnik [6, 8]. Die exakte, analytisch bestimmte Werkzeuggeometrie – abgeleitet aus dem Verzahnungsgesetz – ermöglicht eine modulare, wirtschaftliche Fertigung auf Standard-CNC-Maschinen ohne geometrische Abweichungen. Dies ist ein entscheidender Fortschritt gegenüber den maschinenabhängigen Sonderanfertigungen der Vorgängernormen [8].

Über den Autor:

Prof. Dr.-Ing. habil Masoud Ziaei

Prof. Dr.-Ing. habil Masoud Ziaei, Inhaber der Professur Maschinenelemente, Institut für Maschinenentwicklung, Fakultät Automobil- und Maschinenbau an der Westsächsischen Hochschule Zwickau, Zwickau

Seit über 30 Jahren beschäftigt sich Professor Ziaei mit Polygonverbindungen. Er promovierte 1997 über P4C-Profile an der TU Darmstadt und 2002 habilitierte über analytische Ansätze sowie Reibkorrosion zur Optimierung von P3G- und P4C-Polygonverbindungen. Bisher hat er zahlreiche theoretische, numerische und experimentelle Forschungs- und Industrieprojekte über unrunde Verbindungen bearbeitet / betreut. Er konnte dabei umfangreiche praktische Erfahrungen sammeln. Als Mitglied des Norm-Ausschusses für Wellen und Welle-Nabe-Verbindungen war er Initiator der neuen Normung für die H-Polygonverbindungen und betreut zurzeit den Inhalt von DIN3689.

Quellen

[1] Krause, F.: Patentschrift zur Herstellung epitrochoidischer Polygonprofile. Österreichisches Patentamt, Wien, 1935.

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[2] DIN 32711-1:2023-02: Welle-Nabe-Verbindung – Polygonprofil P3G – Teil 1: Allgemeines und Geometrie. Beuth Verlag, Berlin, 2023.

[3] DIN 32712-1:2009-03: Welle-Nabe-Verbindung – Polygonprofil P4C – Teil 1: Allgemeines und Geometrie. Beuth Verlag, Berlin, 2009.

[4] DIN 32711-2:2023-02: Welle-Nabe-Verbindung – Polygonprofil P3G – Teil 2: Berechnung und Dimensionierung. Beuth Verlag, Berlin, 2023.

[5] DIN 32712-2:2012-03: Welle-Nabe-Verbindung – Polygonprofil P4C – Teil 2: Berechnung und Dimensionierung. Beuth Verlag, Berlin, 2012.

[6] DIN 3689-1:2020-11: Welle-Nabe-Verbindung – Polygonprofile – Teil 1: H-Profile (Hypotrochoiden). Beuth Verlag, Berlin, 2020.

[7] FVA 898 I – IGF-Nr. 21098 BR: Hochfeste formschlüssige Verbindungen unter dynamischer Belastung – Einfluss von Profilkontur, Werkstoff und Fertigung. Forschungsvereinigung Antriebstechnik, Frankfurt am Main, 2023.

[8] Ziaei, M.: Tool Geometry for the Modular Manufacturing of Hypotrochoidal Profiles Standardized According to DIN 3689 by Means of Rolling Processes. Applied Mechanics 2026, 7(2), 38. doi.org/10.3390/applmech7020038

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