Dichtungseinsatz unter schwierigen Umgebungsbedingungen

Viele Bedingungen erschweren den Dichtungen die Erfüllung ihrer Funktion. Besonders kritisch sind z.B. hohe oder auch sehr niedrige Temperaturen sowie stark schwankende Temperaturen in Kombination mit Luftfeuchtigkeit, heiße abzudichtende Medien und geringe Schmierstoffversorgung. Viele Produktentwickler haben relativ wenig Kenntnisse zu den komplexen Materialeigenschaften von Elastomerdichtungen und den Anforderungen der Dichtungen an den Schmierstoff in rotatorischen oder translatorischen Dichtungen. Die Anwendungen ermöglichen oft nicht bzw. nicht permanent die Erfüllung der sehr pauschalen und konservativen Anforderungen der Dichtungshersteller. Derartige Anwendungen bedürfen umfangreicher Kenntnisse der Materialeigenschaften und Erfahrungen zu Dichtungseinsätzen am Rande der Funktionsgrenzen. Im Folgenden werden einige beispielhafte Einsätze von Radialdichtungen unter schwierigen Umgebungsbedingungen vorgestellt.

Hohe Temperaturen an Dichtungen

Hohe Temperaturen kommen entweder durch die Reibungsverluste an der Dichtung selbst zustande oder sind die Folge erhöhter Temperaturen oder starker Wärmestrahlung benachbarter Bauteile wie Motoren. Hohe Temperaturen führen bei Elastomerdichtungen oft zu Veränderung der Materialeigenschaften, z.B. durch Nachvernetzung oder Schädigung der Molekülstruktur sowie durch eine schnellere Alterung. Dies zeigt sich oft durch Farbveränderung der Dichtung oder sogar durch Risse. Messtechnisch wird eine Materialveränderung oft durch eine Mikrohärtemessung oder durch die Bestimmung des Druckverformungsrestes nach einer Temperatureinwirkung untersucht. Auch der Schmierstoff kann durch erhöhte Temperaturen in Mitleidenschaft geraten. Besonders kritisch sind Anwendungen, bei denen es neben erhöhten Umgebungstemperaturen zu einer zusätzlichen Erwärmung durch Dichtungsreibung im Kontakt kommt. Dann zeigt oft auch der Schmierstoff Alterungserscheinungen oder es kommt sogar zur Ablagerung von Ölkohle im Dichtkontakt, was meist gravierend die Dichtfunktion beeinträchtigt.

Das Diagramm zeigt den Reibmomentenverlauf einer Radialdichtung über 10 Stunden. Nach einem zweistündigen Einlauf wird die Temperatur in regelmäßigen Abständen zunächst auf 140 °C und dann in 10 °C-Schritten bis auf 210 °C erhöht. Mit steigender Temperatur nimmt das Reibmoment ab. Ab ca. 200 °C steigt der Reibwert allerdings wieder an.

J. Gerschler, M. Kröger [1]

Abb. 1: Reibmomentverlauf unter Steigerung der Umgebungstemperatur bis auf 210 °C

Eine interessante Untersuchung zeigt Abb. 1. Hier wurde eine Radialdichtung untersucht, die zyklische Drehbewegungen mit niedriger Drehgeschwindigkeit abdichtet. Dadurch ist die Eigenerwärmung vernachlässigbar. Allerdings kommt es in der Anwendung zu relativ kurzzeitigen Erwärmungen bis zu 200 °C. Dies liegt weit über den üblichen Einsatzbedingungen der Dichtung und des Schmierstoffes im Dauereinsatz. Daher erfolgte der Bau eines angepassten Prüfaufbaus und die experimentelle Untersuchung der Dichtung. Neben der Funktionsprüfung der Dichtung unter diesen Bedingungen und der Untersuchung des Dichtungsmaterials sowie des Schmierstoffes nach dem Einsatz wurde zusätzlich das Reibmoment beobachtet. In Abb. 1 sind nur die Maximalwerte des Drehmomentes je Drehzyklus dargestellt. Nicht überraschend war die Abnahme des Reibmomentes mit steigender Temperatur, da die Viskosität des Schmierstoffes abnimmt. Dass der Dichtkontakt aber auch noch bei 200 °C − zumindest für relativ kurze Zeiten − funktioniert, war nicht zu erwarten. Es kam auch bei den hohen Temperaturen nicht zum Versagen der Schmierung, nicht zur Ölkohlebildung und auch nicht zu gravierenden Veränderungen des Dichtungswerkstoffes, obwohl der verwendete Dichtungswerkstoff nicht für hohe Temperaturen vorgesehen ist. Bis unterhalb von 200 °C kam es zu einer Abnahme des Reibmomentes mit steigender Temperatur. Bei 200 °C und 210 °C ist ein Anstieg der Reibung über der Zeit festzustellen, was ein Indiz für die Grenze des kurzzeitigen Einsatzbereichs sein kann.
 

Dichtungen mit Minimalschmierung

Eine günstige Schmierbedingung für eine Dichtung ist ein anliegendes Ölreservoir, wenngleich dies die Anforderungen an die Dichtfunktion erhöht. Durch das anliegende Öl gelangt immer neues Öl in den Dichtkontakt und das Auftreten von Mangelschmierung ist unwahrscheinlich. Anders ist die Situation bei einer Minimalschmierung, die bei Fettschmierung üblich ist, aber auch bei Ölschmierung auftreten kann. Hier steht nur eine sehr begrenzte Menge Schmierstoff zur Verfügung. Dieser muss möglichst an der Dichtung gehalten werden. Der Schmierstoff ist lange im Kontakt und darf dabei seine Schmiereigenschaften nicht verlieren. Ist das Dichtsystem dafür nicht gut ausgelegt, kann es zur Mangelschmierung kommen, bei der nicht mehr genug Schmierstoff am Kontakt zur Verfügung steht. In dem Fall schwankt die Reibung und der Verschleiß der Dichtung steigt an, was zum verfrühten Ausfall der Dichtung führen kann. Ein Beispiel zeigt Abb. 2. Der hier durchgeführte Test mit Drehzahlsprüngen zeigt zunächst ein übliches Verhalten. Nach jedem Drehzahlsprung steigt die Temperatur langsam auf einen neuen stationären Wert. Das Reibmoment steigt sprunghaft an, um dann langsam auf den stationären Wert abzufallen. Bei hohen Drehzahlen kommt es allerdings zu stark schwankenden bzw. oszillierenden Reibmomenten, die sich auch auf den Temperaturverlauf auswirken. Dieses Verhalten ist ein klares Zeichen dafür, dass das Dichtsystem unter diesen Bedingungen schlecht funktioniert.

Das Bild zeigt den Reibmomentverlauf und den Temperaturverlauf einer Radialdichtung über die Zeit bei einem Versuch mit Drehzahlsprüngen. Nach jedem Temperatursprung steigt die Temperatur langsam an, während das Reibmoment sprunghaft ansteigt und dann wieder langsam abnimmt. Bei hohen Drehzahlen zeigen das Reibmoment und die Temperatur ausgeprägte Oszillationen bzw. Schwankungen.

M. Kröger, Y. Lin, R. Nepp, S. Haupt [2]

Abb. 2: Reibmoment- und Temperaturverlauf einer NBR-Dichtung mit Mineralölschmierung bei einem Versuch mit Drehzahlsprüngen

Fazit

Günstige Bedingungen wie moderate, konstante Temperaturen und ein reichlicher Schmierstoffvorrat sind in vielen Fällen nicht sicherzustellen. Dann kommt es bei mangelnden Kenntnissen über Dichtungswerkstoffe, Dichtfunktion und Schmierstoffeigenschaften schnell zur Fehlfunktionen und den Ausfall der ausgewählten Dichtung. Hier greifen die Schulungen des VDI Wissensforums an. Insbesondere das Seminar „Grundlagen der Dichtungstechnik“ liefert die wesentlichen Grundkenntnisse zur Dichtungsauswahl, der Dichtfunktion und zu Dichtungswerkstoffen sowie viele Beispiele, insbesondere zu Dichtungslösungen unter schwierigen Umgebungsbedingungen.

Quellen:

[1] Kröger, M; Gerschler, J; Nepp, R.; Berndt, C.: Rotary shaft seals at high temperatures. Tribologie + Schmierungstechnik, 3/2024, Vol. 71, S. 26-31.

[2] Kröger, M.; Lin, Y.; Nepp, R.; Haupt, S.: Observation of local tribology of shaft seals. 19. Arnold Tross Kolloquium, Hamburg, 2024, Shaker Verlag. S. 139-154.

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