Geotechnische Herausforderungen bei der Wiederverwendung von Brückenfundamenten

Bildquelle: iStock wastesoul

Die Brückeninfrastruktur in Deutschland steht vor einer grundlegenden Erneuerungsaufgabe, da ein Großteil dieser Bauwerke seine maximale Nutzungsdauer bereits erreicht hat. Gleichzeitig steigen die Anforderungen durch höhere Verkehrsbelastungen und strengere Auflagen, was den Ersatzneubau vieler Bauwerke erforderlich macht. Dieser Prozess ist jedoch mit erheblichen Kosten, langen Bauzeiten und hohen Umweltbelastungen verbunden. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Wiederverwendung bestehender Brückenfundamente zunehmend an Bedeutung. Sie bietet die Möglichkeit, Ressourcen zu schonen, CO₂-Emissionen zu reduzieren und Bauzeiten deutlich zu verkürzen. Da die Herstellung von Beton und Stahl einen großen Anteil an den globalen Emissionen verursacht, trägt jede vermiedene Tonne Material zum Klimaschutz bei. Darüber hinaus können wirtschaftliche Vorteile entstehen, da Fundamente einen erheblichen Kostenanteil am Gesamtbau ausmachen.

Allgemeines

Deutschland verfügt über rund 40.000 Brücken, von denen viele zwischen 1960 und 1985 errichtet wurden. Diese Bauwerke erreichen langsam das Ende ihrer Lebensdauer und sind oft nicht mehr für heutige Verkehrsbelastungen ausgelegt. Die Folge ist ein hoher Bedarf an Ersatzneubauten. Die Wiederverwendung bestehender Fundamente kann dabei helfen, Ressourcen zu sparen und CO₂-Emissionen zu reduzieren. Die Bauindustrie verursacht etwa 40 % der globalen CO₂-Emissionen, wobei die Zementproduktion einen erheblichen Anteil trägt. Durch die Wiederverwendung von Fundamenten lassen sich sowohl Materialverbrauch als auch Bauzeiten verringern, was zusätzlich Emissionen aus Verkehrsstaus reduziert (RNE, 2023)

Nachhaltigkeits- und Wirtschaftsaspekte

Die Herstellung von Zement verursacht zwischen 5 und 10 % der weltweiten anthropogenen CO₂-Emissionen. Jede vermiedene Tonne Beton spart nicht nur Emissionen, sondern auch Kosten. Fundamente machen etwa 18 % der Gesamtkosten eines Brückenbaus aus. Hinzu kommt der volkswirtschaftliche Schaden durch Verkehrsstaus während langer Bauzeiten: Bei einer Autobahnbrücke mit 120.000 Fahrzeugen pro Tag können Bauzeitverkürzungen von 24 auf 16 Monate über 50.000 Tonnen CO₂ einsparen und Millionen Euro an Staukosten vermeiden (Reddemann, 2023).
 

Fallstudien und Erfahrungen

Mehrere deutsche Projekte zeigen die Machbarkeit zur Wiederverwendung von Bestandsfundamenten:

  • Ahr-Brücke (B9): Bestehende, flach gegründete Widerlager wurden weiter genutzt, neue Pfeilerfundamente mit Bohrpfählen wurden ergänzt.
  • BAB A45 und A1: Frankipfähle aus den 1960er Jahren wurden nach Integritätsprüfungen und statischen Lasttests wiederverwendet und durch zusätzliche Pfähle ergänzt.
  • Viersener Straße, Mönchengladbach: Teilweise Erneuerung mit Beibehaltung der Unterbauten und Ersatz der Überbauten durch leichtere Stahlverbundkonstruktionen.
  • Stockumer Straße/Rietbroek (BAB A3): Fundamentverbreiterung mit nachträglich installierter Bewehrung und geokunststoffbewehrten Erdkörpern.
  • Oberstaufen (B308): Verstärkung bestehender Pfeilerfundamente mit Bohrpfählen und Lastverteilungsbalken.

Internationale Beispiele, etwa aus den USA, bestätigen die Praxis: Dort wurden historische Pfähle durch Belastungsversuche bewertet und bei ausreichender Tragfähigkeit weiter genutzt. Bei der Haynesville Bridge in Maine wurden die Holzpfähle freigelegt, geprüft und anschließend mit Beton verstärkt und dadurch weiterverwendet (Agrawal et al., 2018), siehe Abb. 1.
 

Prüfmethoden für Tragfähigkeit und Integrität

Die Wiederverwendung setzt eine umfassende Untersuchung der Bestandsfundamente und insbesondere der Pfahlgründungen voraus. Dazu gehören:

  • Geotechnische Analysen zur Ermittlung der aktuellen Bodenverhältnisse.
  • Tragfähigkeitsnachweise durch statische Pfahlversuche (direkte Messung der Pfahlsetzung und des Pfahlwiderstandes), dynamische Pfahltests oder statnamische Verfahren.
  • Integritätsprüfungen wie Low-Strain-, Crosshole- und Ultraschall-Echo-Methoden sowie Bohrkernentnahmen zur Beurteilung der Materialqualität und Homogenität.
     

Verstärkungs- und Verbindungsmöglichkeiten

Wenn die Tragfähigkeit nicht ausreicht, können Mikropfähle, Fundamentverbreiterungen oder Bodenverbesserungen wie Injektionen eingesetzt werden. Eine besondere Strategie ist die nachträgliche Berechnung als kombinierte Pfahl-Plattengründung (KPP), um vorhandene Tragreserven im Baugrund zu nutzen. Für die Verbindung zwischen alter und neuer Gründungsstruktur sind Methoden wie Hochdruckwasserstrahlen zur Bewehrungsfreilegung, nachträglich eingebaute Bewehrung und Reparaturbeton mittlerweile etabliert.
 

Planungsprozess und Entscheidungsdiagramm

Als Planungsgrundlage und für Entscheidungsprozesse wurden mittlerweile zahlreiche Flowcharts auf wissenschaftlicher Basis entwickelt, siehe z.B. Ramm (2019). Grundsätzlich beinhalten diese die folgenden Aspekte: 

  • Datensammlung: Prüfung vorhandener Unterlagen und ggf. ergänzt durch neue geotechnische Gutachten.
  • Tragfähigkeitsanalyse: Vergleich der neuen Lasten mit den ermittelten Widerständen.
  • Integritätsprüfung: Sicherstellung der Materialqualität der Bestandsbauteile.
  • Optionenprüfung: Lastreduktion, Verstärkung oder Ersatz, siehe beispielsweise Abb. 2.
  • Verbindungskonzept: Sicherstellung der Lastübertragung zwischen Bestandsbauwerk und Neubau.
     

Fazit

Die Untersuchung zeigt, dass die Wiederverwendung von Brückenfundamenten technisch machbar und ökologisch wie ökonomisch sinnvoll ist. Sie erfordert jedoch eine sorgfältige Prüfung und individuelle Bewertung. Mit zunehmender Erfahrung und Forschung kann diese Methode einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Infrastrukturentwicklung leisten.

Statische Pfahlprobebelastung an einem Bestandspfahl innerhalb eines Brückenwiderlagers (Agrawal et al., 2018)

Umgang mit Bestandsgründungen nach Ramm (2019)

Quellen

  • Agrawal, A., Jalinoos, F., Davis, N., Hoomaan, E. & Sanayei, M., 2018. Foundation Reuse for Highway Bridges. Office of Research, Development and Technology, Federal Highway Administration, McLean (VA).
  • Ramm, H., 2019. Experimentelle und numerische Untersuchungen zur Wiedernutzung von Bestandsgründungen (PhD Thesis), Technische Universität Darmstadt, ISBN: 978-3-942068-26-0
  • Reddemann, T., 2023. Schneller ist keine – Die Echterhoff Expressbrücke, 2. Nachhaltigkeitskonferenz der Bauindustrie am 12.10.2023 in Berlin, Quelle: www.bauindustrie.de/fileadmin/user_upload/Reddemann_Echterhoff_Expressbruecke.pdf, Zugriff 25.10.2025
  • RNE (Rat für Nachhaltige Entwicklung), 2023. Quelle: www.nachhaltigkeitsrat.de/aktuelles/der-baubranche-wird-so-langsam-klar-welch-grossen-einfluss-sie-auf-den-klimawandel-hat/, Zugriff: 26-06-2024

Über den Autor:

Herr Prof. Dr.-Ing. Jan Lüking war nach Abschluss seiner Promotion zunächst jahrelang als Fachplaner für Geotechnik in einem international agierenden Baukonzern tätig, bevor er 2018 auf die Professur für Geotechnik an der Technischen Hochschule Lübeck berufen worden ist. Ergänzend ist er seit 2019 Partner im Ingenieurbüro Kempfert Geotechnik GmbH in Hamburg. Gemeinsam mit Herrn Prof. Dr.-Ing. Florian Hörtkorn leitet er das VDI Seminar Geotechnische Herausforderungen im Brücken- und Ingenieurbau. 

Zurück zum Anfang der Seite springen