Viele Führungskräfte suchen in schwierigen Situationen nach der richtigen Methode oder dem passenden Führungsinstrument. Warum reicht das allein oft nicht aus?
Sven Rehmer: Methoden geben Struktur. Die eigentliche Frage lösen sie nicht. In schwierigen Situationen fehlt selten das Werkzeug. Es fehlt die Klarheit. Worum geht es? Wer entscheidet? Was gilt danach? Wer das nicht geklärt hat, wendet die Methode auf ein unklares Problem an. Dann wirkt sie nicht. Ich erlebe oft Führungskräfte, die drei Modelle kennen und das eine Gespräch trotzdem nicht führen. Dann fehlt nicht das Wissen. Dann fehlt die Entscheidung, das Thema anzusprechen.
Was bedeutet Klarheit in der Führung konkret und woran merken Führungskräfte, dass in ihrem Team Klarheit fehlt?
Sven Rehmer: Klarheit heißt: Alle wissen, worum es geht, wer zuständig ist und was als Nächstes passiert. Fehlende Klarheit zeigt sich selten direkt. Man sieht sie an Symptomen. Dieselben Themen kommen in jedem Meeting wieder. Mitarbeitende fragen nach, obwohl scheinbar alles gesagt ist. Entscheidungen landen wieder bei der Führungskraft, obwohl sie delegiert hat. Nach der Besprechung hat jeder Teilnehmende ein anderes Bild im Kopf. Mein Grundsatz: Gibt die Führung keine Klarheit, entsteht sie trotzdem. Nur nicht im Sinne der Führungskraft.
Mehr Meetings, mehr Abstimmungen und mehr Kommunikation führen nicht automatisch zu besseren Ergebnissen. Was unterscheidet aus Ihrer Sicht wirksame Kommunikation von bloßem Aktionismus?
Sven Rehmer: Aktionismus erzeugt Bewegung. Wirksame Kommunikation erzeugt Ergebnisse. Der Unterschied liegt nicht in der Menge. Er liegt im Abschluss. Ein wirksames Meeting endet mit einer Entscheidung, einer zuständigen Person und einem Termin. Fehlt einer dieser Punkte, war es ein Austausch. Der kann sinnvoll sein. Steuerung ist er nicht. Eine einfache Frage vor jedem Termin hilft: Was soll danach anders sein als vorher? Wer darauf keine Antwort in einem Satz hat, braucht oft kein Meeting. Er muss zuerst für sich selbst klären, was er will.
Im Klarheits-Prozess unterscheiden Sie sechs Bereiche, vom Zweck über Rollen und Entscheidungen bis zur Nachhaltung. An welchen Stellen erleben Sie in der Praxis besonders häufig Unklarheit?
Sven Rehmer: Am häufigsten bei den Rollen und bei der Nachhaltung. Bei den Rollen bleibt oft offen, wer entscheidet und wer nur mitredet. Dann wird diskutiert, bis die ranghöchste Person etwas sagt. Oder niemand fühlt sich zuständig. Die Nachhaltung fällt am leisesten weg. Es wird entschieden, alle nicken, und drei Wochen später fragt niemand nach. Dann gilt die Entscheidung faktisch nicht mehr. Auch der erste Schritt, der Zweck, wird unterschätzt. Viele Besprechungen beginnen mit dem Thema und klären nie, wozu man zusammensitzt. Daraus entstehen die meisten Folgeprobleme.

