Orientierung schaffen und gute Entscheidungen treffen

Wie können Führungskräfte in komplexen Situationen Orientierung geben, klare Entscheidungen treffen und ihr Team handlungsfähig halten? Im Interview erklärt Führungstrainer Sven Rehmer, warum Methoden und Führungsinstrumente allein häufig nicht ausreichen. Entscheidend ist Klarheit über Ziele, Rollen, Zuständigkeiten und die nächsten Schritte.

Er zeigt, woran sich fehlende Klarheit im Führungsalltag erkennen lässt, was wirksame Kommunikation von bloßem Aktionismus unterscheidet und wie Entscheidungen trotz Unsicherheit gelingen können. Außerdem erläutert er, wann Selbstreflexion, ehrliches Feedback oder ein individuelles Coaching dabei helfen, wiederkehrende Verhaltensmuster zu durchbrechen und konkrete berufliche Herausforderungen zu bewältigen.

Abbildung: Die sechs Schritte des Klarheits-Prozesses. Aus dem Manuskript „Der Klarheits-Prozess“ von Sven Rehmer, Veröffentlichung voraussichtlich im Frühjahr 2027.

Viele Führungskräfte suchen in schwierigen Situationen nach der richtigen Methode oder dem passenden Führungsinstrument. Warum reicht das allein oft nicht aus?

Sven Rehmer: Methoden geben Struktur. Die eigentliche Frage lösen sie nicht. In schwierigen Situationen fehlt selten das Werkzeug. Es fehlt die Klarheit. Worum geht es? Wer entscheidet? Was gilt danach? Wer das nicht geklärt hat, wendet die Methode auf ein unklares Problem an. Dann wirkt sie nicht. Ich erlebe oft Führungskräfte, die drei Modelle kennen und das eine Gespräch trotzdem nicht führen. Dann fehlt nicht das Wissen. Dann fehlt die Entscheidung, das Thema anzusprechen.
 

Was bedeutet Klarheit in der Führung konkret und woran merken Führungskräfte, dass in ihrem Team Klarheit fehlt?

Sven Rehmer: Klarheit heißt: Alle wissen, worum es geht, wer zuständig ist und was als Nächstes passiert. Fehlende Klarheit zeigt sich selten direkt. Man sieht sie an Symptomen. Dieselben Themen kommen in jedem Meeting wieder. Mitarbeitende fragen nach, obwohl scheinbar alles gesagt ist. Entscheidungen landen wieder bei der Führungskraft, obwohl sie delegiert hat. Nach der Besprechung hat jeder Teilnehmende ein anderes Bild im Kopf. Mein Grundsatz: Gibt die Führung keine Klarheit, entsteht sie trotzdem. Nur nicht im Sinne der Führungskraft.
 

Mehr Meetings, mehr Abstimmungen und mehr Kommunikation führen nicht automatisch zu besseren Ergebnissen. Was unterscheidet aus Ihrer Sicht wirksame Kommunikation von bloßem Aktionismus?

Sven Rehmer: Aktionismus erzeugt Bewegung. Wirksame Kommunikation erzeugt Ergebnisse. Der Unterschied liegt nicht in der Menge. Er liegt im Abschluss. Ein wirksames Meeting endet mit einer Entscheidung, einer zuständigen Person und einem Termin. Fehlt einer dieser Punkte, war es ein Austausch. Der kann sinnvoll sein. Steuerung ist er nicht. Eine einfache Frage vor jedem Termin hilft: Was soll danach anders sein als vorher? Wer darauf keine Antwort in einem Satz hat, braucht oft kein Meeting. Er muss zuerst für sich selbst klären, was er will.
 

Im Klarheits-Prozess unterscheiden Sie sechs Bereiche, vom Zweck über Rollen und Entscheidungen bis zur Nachhaltung. An welchen Stellen erleben Sie in der Praxis besonders häufig Unklarheit?

Sven Rehmer: Am häufigsten bei den Rollen und bei der Nachhaltung. Bei den Rollen bleibt oft offen, wer entscheidet und wer nur mitredet. Dann wird diskutiert, bis die ranghöchste Person etwas sagt. Oder niemand fühlt sich zuständig. Die Nachhaltung fällt am leisesten weg. Es wird entschieden, alle nicken, und drei Wochen später fragt niemand nach. Dann gilt die Entscheidung faktisch nicht mehr. Auch der erste Schritt, der Zweck, wird unterschätzt. Viele Besprechungen beginnen mit dem Thema und klären nie, wozu man zusammensitzt. Daraus entstehen die meisten Folgeprobleme.

Gerade in Veränderungsprozessen oder unter hohem Entscheidungsdruck gibt es oft nicht die eine offensichtlich richtige Lösung. Wie können Führungskräfte trotzdem Orientierung geben und gute Entscheidungen treffen?

Sven Rehmer: Orientierung entsteht nicht durch Gewissheit. Sie entsteht durch Transparenz. Führungskräfte müssen nicht die perfekte Lösung kennen. Sie müssen sagen, was sie wissen, was sie nicht wissen und wie sie entscheiden. Zwei Fragen helfen dabei: Wie groß ist die Tragweite? Und wie leicht lässt sich die Entscheidung korrigieren? Was sich korrigieren lässt, darf schnell entschieden werden. Was schwer umkehrbar ist, braucht mehr Sorgfalt. Eine Entscheidung mit festem Überprüfungstermin gibt mehr Halt als langes Abwarten. Mit Unsicherheit kommen Teams zurecht. Mit Unklarheit nicht.
 

Was können Führungskräfte selbst tun, wenn sie merken, dass sie bei einer beruflichen Herausforderung immer wieder an denselben Punkt kommen?

Sven Rehmer: Zuerst das Muster ernst nehmen. Wer immer wieder an denselben Punkt kommt, hat selten ein Wissensproblem. Meist wiederholt sich ein Verhalten, das sich anderswo bewährt hat. Drei Fragen helfen. Was passiert jedes Mal kurz bevor es hakt? Was tue ich dann? Und was vermeide ich damit? Diese Fragen schriftlich zu beantworten, bringt oft mehr als ein weiteres Seminar. Danach hilft ehrliches Feedback von jemandem, der die Situation kennt. Den eigenen blinden Fleck sieht man allein nicht. Das ist keine Schwäche. Das liegt in der Natur der Sache.
 

Wann ist der Punkt erreicht, an dem es sinnvoll sein kann, sich externe Unterstützung, beispielsweise durch ein individuelles Coaching, zu holen? Was kann ein Coaching leisten, was allgemeine Führungstipps oder klassische Weiterbildungen nicht können?

Sven Rehmer: Coaching ist sinnvoll, wenn eine Führungskraft weiß, was zu tun wäre, und es trotzdem nicht tut. Oder wenn eine konkrete Situation ansteht, in der viel auf dem Spiel steht. Allgemeine Führungstipps sagen, was man grundsätzlich tun sollte. Weiterbildungen vermitteln Werkzeuge für viele. Coaching arbeitet an einer Situation und mit einer Person. Es geht um die eigenen Muster, die eigene Rolle und das nächste konkrete Gespräch. Im Seminar fehlt dafür die Zeit. Gutes Coaching macht sich dabei selbst überflüssig. Am Ende soll die Führungskraft die Situation allein klären können.

Über den Autor:

Sven Rehmer

Sven Rehmer ist Führungstrainer und Gründer von REHMERtraining. Seit 2016 ist er selbstständig und hat über 400 Trainings- und Workshopformate durchgeführt. Seit 2017 ist er akkreditierter Trainer beim VDI Wissensforum. Davor leitete er in der Telekommunikationsbranche eine interne Akademie und später ein Trainerteam mit Verantwortung für rund 550 Shops. Zehn Jahre lang bildete er zudem Business-Trainerinnen und -Trainer aus. Er ist zertifizierter Führungskräfte-Coach und arbeitet vor allem mit Führungskräften aus Industrie und technischem Mittelstand im deutschsprachigen Raum. Sein Schwerpunkt ist der Führungsalltag: klare Rollen, tragfähige Entscheidungen und Gespräche, die geführt statt vermieden werden.

Zurück zum Anfang der Seite springen