Schwingungen bei Seilbahnen

Seilbahnen gelten als ein Verkehrsmittel, das technisch weitgehend ausentwickelt ist. Durch den einzigartigen Aufbau mit einem aus beweglichen Seilen bestehenden Fahrweg gibt es dynamische Vorgänge, die von makroskopischen Bewegungen der Fahrzeuge bis in den Bereich mittlerer akustischer Frequenzen reichen. Bei einem nicht mehr ausschließlich touristischen Einsatz werden sich die Anforderungen hinsichtlich Verfügbarkeit, Nutzungskomfort der Fahrgäste und auch Lärmemission der Anlagen weiterentwickeln. Die bisher vor allem zur Auslegung entsprechend den Sicherheitsanforderungen dienenden Modelle der Wechselwirkung von Seil und Fahrzeugen sind so zu erweitern, dass damit Schwingungen aus Anregungen in einem erweiterten Betrieb unterhalb der Abschaltschwelle behandelt werden können.

Wissen wir nicht schon alles?

Das Erfahrungswissen zu Schwingungsvorgängen bei Seilbahnen ist umfangreich. Eine Einführung gibt [1]. Wesentliche Vorgänge wurden seit langem in Forschungsarbeiten an Hochschulinstituten untersucht und veröffentlicht. Um mit daraus abgeleiteten Rechenverfahren eine realistische dynamische Simulation einer Seilbahn durchzuführen, sind umfangreiche Daten und Parameter erforderlich, die teilweise nur den marktbeherrschenden Herstellern zugänglich sind.

Regelwerke

Die Ergebnisse sind in mehrfach fortgeschriebene und auf europäischer Ebene harmonisierte Regelwerke eingeflossen, wobei diese keine Angaben zur Herleitung z.B. von dynamischen Zuschlägen auf statisch bestimmte Lasten oder die anzunehmenden Pendelamplituden enthalten. [2] enthält eine Liste der relevanten Verordnungen und Normen.

Konservative Lastannahmen

Im Betrieb einer Seilbahnanlage treten neben den in der Seilstatik berücksichtigten statischen Lasten insbesondere instationäre Einwirkungen auf, die aus den Fahrzeugbewegungen entlang des Fahrwegs, den Beschleunigungs- und Verzögerungsvorgängen der Anlage sowie den Windkräften resultieren. 

Windkräfte 

Die EU-Seilbahnverordnung schreibt bei der Abschätzung lokaler instationärer Windkräfte eine Berücksichtigung „ungünstigster Bedingungen der Art und der Merkmale des Geländes und der Umgebung, der atmosphärischen und meteorologischen Gegebenheiten sowie der möglichen in der Nähe befindlichen Bauwerke“ vor. Das führt dazu, dass als handhabbare Grenzwerte stationäre Windgeschwindigkeiten verwendet werden.

Als Ergebnis einer Sicherheitsanalyse wird für eine Anlage bei Windeinwirkung eine maximal zulässige Windgeschwindigkeit vorgeschrieben, nach deren Überschreitung eine Betriebseinstellung erfolgen muss.

Im Hochgebirge funktioniert es, warum nicht in der Stadt?

Die Betriebspflicht bei der zukünftigen Einbindung einer Seilbahn in den öffentlichen Verkehr wird die Freiheit einschränken, den Betrieb − wie bei einer nur touristisch genutzten Anlage − bei ungünstigen Bedingungen „anzupassen“. Langsamfahren, sei es als Vorsichtsmaßnahme bei Wind oder, zurzeit gerne als „optimierter Betrieb“ vermarktet, zum Energiesparen, verträgt sich nicht gut mit dem Schreckgespenst „Fahren nach Fahrplan“.

Damit gewinnt der Betrieb im Bereich von Windgeschwindigkeiten unter der festgelegten Abschaltschwelle an Bedeutung. Die Annahme einer geringen zeitlichen und räumlichen Korrelation von Böen gilt nur für Strecken mit großem Bodenabstand. Zwar nimmt dort die mittlere Windgeschwindigkeit zu, der für die Anregung von Fahrzeug- und Seilfeldschwingungen wesentliche, zeitlich autokorrelierte Böenanteil jedoch ab.

Wo darf eine Seilbahn fahren?

Um davon zu profitieren, müssten urbane Anlagen „hoch über den Dächern“ verlaufen, so wie es bei einigen außereuropäischen Anlagen derzeit der Fall ist. Dass aber derartige Streckenprofile im mitteleuropäischen städtischen Raum Akzeptanz finden, ist wenig wahrscheinlich. Niedrigere Streckenprofile, die eine Dominanz der Seilbahn im Stadtbild vermeiden, bedingen einen Verlauf der Trasse, der teilweise im Strömungsnachlauf größerer Gebäude liegen kann.

Geländestrukturen oder Bauwerke verursachen auf ihrer Leeseite einen abgelösten Nachlauf, in dem unangenehm nahe an den Eigenfrequenzen der Seilfeld- und Fahrzeugbewegung liegende Strömungskräfte auftreten können. Dieser Nachlauf wäre, ebenso wie die instationäre Strömungsablösung am Fahrzeug selbst, einer numerischen Modellierung zugänglich.

Es ist vorstellbar, dass man in diesem Bereich von dem umfangreichen Wissen profitiert, das im Bauwesen mit – auch dynamischen – Windlasten gesammelt wurde, das insbesondere in [3] dokumentiert ist. Da inzwischen numerische Strömungsmodelle ganzer Städte gerechnet werden, sollte das auch bei der Planung zukünftiger Seilbahntrassen erwogen werden.

Videobild ergänzt mit Ergebnissen einer Beschleunigungsmessung in der Kabine, Zeitverlauf seitliches Pendeln, Spektrogramm niedriger Tonfrequenzen

Schwingungsmessung zur Unterstützung des Betriebs

Derzeit liegt eine Entscheidung, ob ein Betrieb der Anlage bei Auftreten von aerodynamisch angeregten Schwingungen aufrechterhalten werden kann, beim Betriebspersonal. Als Daten stehen Windmessungen an verschiedenen Messstellen und die visuelle Beobachtung zur Verfügung. Moderne Anlagen haben zwar an fast allen Stützen Kameras; eine visuelle Bestimmung von Pendelamplituden aus deren Bildern ist jedoch schwierig. Mit Bildverarbeitung könnten daraus aber quantitativ verwertbare Schwingungsdaten gewonnen werden.

Denkbar wäre es auch, einige Kabinen mit Beschleunigungsaufnehmern auszustatten und deren Messwerte drahtlos in den Leitstand zu übertragen. Die niederfrequenten Bewegungen der Fahrzeuge könnten bereits unmittelbar nach der Erfassung aus den Beschleunigungsdaten extrahiert werden und bei der Entscheidung über betriebliche Maßnahmen helfen.

Condition Monitoring der Anlage

Abgesehen von der speziellen Schwingungsanregung durch das bewegte Seil sind Stationen und insbesondere Antriebsstationen ein Thema für die „klassische“ Zustandsüberwachung, wobei die üblichen Verfahren der Maschinen- und Anlagendiagnostik anwendbar sind. Bei den notwendigen langen Betriebszeiten im urbanen Einsatz könnte es schwierig sein, die Stationen durchgehend mit erfahrenem Personal zu besetzen. Zudem wird für Wartung und Reparaturen weniger Zeit als bei nur touristisch genutzten Anlagen zur Verfügung stehen.

Schwingungsanregung durch das Seil

Die wesentlichste Quelle akustisch oder fühlbar wahrnehmbarer Schwingungen von Fahrzeug, Stationen und Streckenbauwerken sind die beim Kontakt zwischen Rollen und dem Seil entstehenden Kräfte. Die mit den jetzt üblichen Seilbauarten realisierbaren Kontaktverhältnisse sind bereits sehr günstig und kaum weiter optimierbar.

Beispiele typischer Förderseile

Ein Vergleich zwischen der aus einem einfachen Modell der Seil-/Rollenkontakte zu erwartenden Anregung mit Messungen im entsprechenden Frequenzbereich an Stützen und in den Kabinen zeigt, dass die Annahme genau definierter Kontaktstellen lediglich einen Idealfall beschreibt. Dieser wird durch zahlreiche Faktoren − wie den Verschleiß der Rollenfutter, Toleranzen in der Ausrichtung der Rollen und die Torsion des Seils − so modifiziert, dass eine einzelne Frequenz nicht mehr zur Beschreibung ausreicht.

Trotzdem gelingt bei modernen Fahrzeugen eine beeindruckend wirksame Schwingungsisolation im akustischen Frequenzbereich, z.B. durch die jetzt angewandte Aufstellung des Fahrzeugs auf dem Gehänge mit weichen Spiralfedern.

Lärmemission der Strecke

Die gegenüber touristischen Anlagen erheblich längeren Betriebszeiten urbaner Anlagen verschärfen die Anforderungen hinsichtlich der Lärmemission der Streckenbauwerke.

Günstig für eine Verringerung der auf Stütze und Fahrzeuge wirkenden dynamischen Kräfte sind die bei modernen Anlagen üblichen, geringen Neigungsänderungen des Streckenprofils auf den Stützen. Dies reduziert nicht nur die Umlenkverluste im Seil, sondern vermindert auch tieffrequente Seilschwingungen aus den Kontakten zwischen Klemme und Rollen sowie das hörbare Geräusch bei einer Stützenüberfahrt.

Quellen

[1] G. A. Kopanakis, R. Canale, G. Kovacs, Schwingungen bei Seilbahnen, Teile 1-8, Internationale Seilbahn-Rundschau 2/2010 – 3/2011.

[2] VDI-Statusreport – Urbane Seilschwebebahnen Juni 2020, Fachbeirat Bahntechnik der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik.

[3] DIN EN 1991-1-4 Eurocode 1: Einwirkungen auf Tragwerke - Teil 1-4: Allgemeine Einwirkungen - Windlasten; Deutsche Fassung EN 1991-1-4:2005 + A1:2010 + AC:2010

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Über den Autor

Quelle: © Hugo Pfoertner

Hugo Pfoertner, beratender Ingenieur, Kiefersfelden. Nach 8 Jahren Hochschultätigkeit im Bereich Strömungsmechanik und 33 Jahren bei einem Hersteller von Flugantrieben in verschiedenen Funktionen, zuletzt in der Systemkonzeption von Regelungs- und Überwachungssystemen, war er im Rahmen der NATO-STO, der SAE und ISO an Technologie- und Normungsprojekten zum Thema „Condition Monitoring“ beteiligt. Da er Seilbahnen seit über 65 Jahren benutzt, lag es für ihn nahe, seit dessen Gründung im GPP-Fachausschuss 629 „Seilschwingungen“ mitzuarbeiten.

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