Klimaschutz und Klimaanpassung zusammendenken – der Gebäudesektor als Schlüssel zur Transformation

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Climate is changing! What about you?

Der Klimawandel ist eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Steigende Durchschnittstemperaturen, häufigere Extremwetterereignisse und zunehmende Unsicherheiten betreffen Wirtschaft, Gesellschaft und Infrastruktur gleichermaßen. Gleichzeitig bietet genau diese Situation die Chance, zentrale Bereiche unseres Handelns neu zu denken. Ein Sektor nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein: der Gebäudesektor. Doch sein Potenzial reicht weit über reine Emissionsminderung hinaus. Gebäude können zugleich Klimaschutz und Klimaanpassung leisten, wirtschaftliche Stabilität sichern und die Resilienz unserer gebauten Umwelt stärken. 
Wie sich diese Chancen nutzen lassen – technologisch, planerisch und ökonomisch – und warum ein ganzheitlicher Lebenszyklusblick dabei entscheidend ist, zeigt der folgende Beitrag.

Gebäude verursachen einen erheblichen Anteil der globalen und nationalen CO₂-Emissionen, sowohl durch den Gebäudebetrieb als auch durch die Herstellung, den Ersatz und die Instandhaltung sowie den Rückbau der eingesetzten Materialien [1]. Gleichzeitig liegt hier eines der größten und zugleich am einfachsten zu erschließenden Potenziale für wirksamen Klimaschutz. Denn viele der notwendigen Lösungen zur Minimierung der lebenszyklusbasierten CO₂-Emissionen sind technisch erprobt, wirtschaftlich darstellbar und bereits heute verfügbar. [2, 3]
 

Erneuerbare Energien und Effizienzsteigerung als Klimaschutzhebel

Ein wesentlicher Hebel für den Klimaschutz im Gebäudesektor ist die Energieversorgung. Der Umstieg bei Bestandsgebäuden bzw. der Einsatz von erneuerbarer Energie bei Neubauten, etwa durch Photovoltaik, Wärmepumpen, Solarthermie oder die Einbindung in erneuerbare Wärmenetze, reduziert den CO₂-Ausstoß über den Gebäudelebenszyklus erheblich. In nahezu allen Fällen kann damit bereits der größte Teil der betrieblichen und lebenszyklusbasierten Emissionen vermieden werden, zumal sich die Wärmenetze sowie das Stromnetz in der Zukunft immer weiter dekarbonisieren. Kombiniert mit einer guten energetischen Gebäudehülle lassen sich so sehr schnell große Effekte erzielen.

Entscheidend ist dabei der Perspektivwechsel: Klimaschutz im Gebäudesektor ist kein Verzichtsprogramm, sondern eine Optimierungschance. Effiziente, erneuerbar versorgte Gebäude sind nicht nur klimafreundlicher, sondern auch unabhängiger von Energiepreisrisiken, langfristig kostengünstiger im Betrieb, am heutigen und zukünftigen Immobilienmarkt höherpreisig bewertet und somit zukunftssicherer. Gerade im Vergleich zu anderen Sektoren lassen sich hier mit überschaubarem Aufwand und klaren planerischen Entscheidungen große Fortschritte erreichen. Wie dies in der Praxis umgesetzt werden kann, zeigt das Forschungsprojekt „Eco+Office“ [3]. Hierbei wurde ein Bürogebäude wissenschaftlich begleitet und aufgezeigt, wie ein Plusenergiestandard und eine CO2-Neutralität gewährleistet werden können.
 

Klimaanpassung als neue Planungsrealität

Neben dem Klimaschutz rückt zudem ein weiteres Thema immer stärker in den Fokus: die Klimaanpassung. Selbst bei ambitionierten Klimaschutzmaßnahmen werden sich die Auswirkungen der Erderwärmung in den kommenden Jahrzehnten weiter bemerkbar machen. Für Gebäude bedeutet das vor allem steigende sommerliche Temperaturen, häufigere Hitzeperioden, lokale Starkregenereignisse und längere Trockenphasen.

Die Frage lautet daher nicht mehr, ob sich Gebäude anpassen müssen, sondern wie. Zentrale Risikobewertungsinstrumente für Gebäude sind hier Klimarisikoanalysen, die standortspezifische Risiken systematisch bewerten. Auf dieser Grundlage lassen sich gezielte Maßnahmen ableiten, wie beispielsweise Gebäudebegrünung zur Reduzierung von Hitzeinseln, Verschattungskonzepte, optimierte Fensterflächen, passive Kühlstrategien oder eine resiliente Gestaltung der Gebäudehülle.

Ein besonders relevantes Thema ist der sommerliche Wärmeschutz. Überhitzte Innenräume beeinträchtigen nicht nur den Nutzungskomfort, sondern auch die Produktivität und Gesundheit der Menschen. Gleichzeitig führen rein technische Kühlkonzepte häufig zu steigenden Energieverbräuchen. Ganzheitlich geplante Gebäude setzen daher auf bauphysikalisch sinnvolle Lösungen, die passive Maßnahmen priorisieren und Technik robust gestaltet sowie gezielt ergänzen. Wie dies in die Planung überführt werden kann, zeigen beispielsweise die Forschungsprojekte „Grüne Stadt der Zukunft“ [4] und „ECO+: Auf dem Weg zu positiven Umweltwirkungen von Quartieren“ [5]. In Abbildung 1 sind einfache Umsetzungsstrategien zur Berücksichtigung der Blau-Grünen-Infrastruktur dargestellt.

Abb. 1 Integration Blau-Grüner-Infrastruktur

Ganzheitliche Planung über den Gebäudelebenszyklus

Zentrale Werkzeuge zur Bewertung von Gebäuden sind die Ökobilanzierung und die Lebenszykluskostenanalyse. Sie erweitert den Blick über die reine Investitionsentscheidung hinaus und berücksichtigt Umweltwirkungen, Betriebskosten, Instandhaltung, Energieverbräuche und zukünftige Anpassungsbedarfe. Werden die ökologische und ökonomische Lebenszyklusanalyse frühzeitig in der Gebäudeplanung eingesetzt, können nicht nur zielgerichtet die Anforderungen von heute erfüllt, sondern auch die Risiken der Herausforderungen von morgen bewertet und Maßnahmen hierfür umgesetzt werden.

Hinzu kommt: Die Ökobilanz wird in den kommenden Jahren auch regulatorisch deutlich an Bedeutung gewinnen. Gemäß der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) wird die Lebenszyklus-Ökobilanz ab 2028 für alle Neubauten mit einer Nutzfläche über 1.000 m² verpflichtend. Wer sich also bereits heute mit Ökobilanzen und Lebenszyklusbewertungen beschäftigt, ist anderen einen entscheidenden Schritt voraus – strategisch und im Hinblick auf zukünftige Genehmigungs- und Nachweisanforderungen.

Zahlreiche Studien und praktische Erfahrungen zeigen: Nachhaltigere Gebäude sind langfristig wirtschaftlicher. Sie verursachen geringere Betriebskosten, weisen niedrigere Ausfall- und Sanierungsrisiken auf und bleiben auch unter veränderten klimatischen Bedingungen nutzbar. Damit sind sie nicht nur ein Beitrag zum Klimaschutz, sondern auch eine Investition in die Zukunftsfähigkeit von Immobilien, Unternehmen und der Gesellschaft.
 

Quellen

[1] United Nations Environment Programme (2025). Global Status Report for Buildings and Construction 2024/2025: Not just another brick in the wall - The solutions exist. Scaling them will build on progress and cut emissions fast. Paris. https://wedocs.unep.org/20.500.11822/47214

[2] Vollmer, M., Harter, H., & Lang, W. (2022). BEWOOpt-Ökologisch und ökonomisch optimierte serielle Typenhäuser. TUM School of Engineering and Design. www.ed.tum.de, DOI: 10.13140/RG.2.2.27667.35361

[3] Harter, H., Vollmer, M., Meier-Dotzler, C. & Lang, W. (2019). INNOVATION; AS-Bau Hof GmbH: Eco+Office - Plusenergie und CO2-Neutralität

[4] Linke, S., Zölch, T., Erlwein, S., Bauer, A., Meier-Dotzler, C., Putz, A., Rupp, J., Welling, M., Pauleit, S., & Lang, W. (2022). Klimaresiliente Quartiere in einer wachsenden Stadt – Forschungsergebnisse Projekt „Grüne Stadt der Zukunft“

[5] Vollmer, M.,Theilig, K., Lang, W., Fleckenstein, C., Well, F., Ludwig, F., Hope, G., Akca, N., Albus, J., Wittmann, A., Branz, K.,. ECO+ Auf dem Weg zu positiven Umweltwirkungen von Quartieren, https://mediatum.ub.tum.de/node?id=1783467

Über die Autoren:

Dr.-Ing. Michael Vollmer
Geschäftsführender Gesellschafter von vesta sustainability consulting UG

Dr.-Ing. Hannes Harter,
Geschäftsführender Gesellschafter von vesta sustainability consulting UG

vesta sustainability consulting ist ein Beratungsunternehmen für Bauphysik und Nachhaltigkeit mit Sitz in München. Als unabhängiges Unternehmen, frei von großen Investoren oder Konzernen, können wir Nachhaltigkeitsthemen neutral, kritisch und lösungsorientiert bewerten und praxisnah umsetzen.

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